Bildungsarbeit

Vor 70 Jahren: Es fing so harmlos an

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Vorderseite des Bahnhofs mit früherem Verlauf der Bahnhofstraße.

In diesen Tagen jährt sich die schreckliche Explosion eines mit V2-Raketenteilen beladenen Zuges auf dem Pritzwalker Bahnhof zum 70. mal. Am Abend des 15.04. 1945 stand ein getarnter Güterzug der Wehrmacht auf dem alten Bahnhof unserer Stadt. In den Wirren der letzten Kriegswochen, die Rote Armee war bereits über die Oder vorgedrungen. Die Wehrmacht versuchte ihre verbliebenen V2-Waffen vor den von allen Seiten anrückenden alliierten Truppen in Sicherheit zu bringen. Einer der wenigen noch offenen Transportwege führte per Bahn über Pritzwalk. Die Raketenteile kamen wohl aus dem Raum Harz bzw. Thüringen. Auch dort rückten die Briten, US-Amerikaner und Franzosen in Nazi-Deutschland vor.

Seit einiger Zeit überflog fast täglich ein russisches Aufklärungsflugzeug vom Typ P-2 unsere Stadt. Pritzwalk war schon damals ein Bahndrehkreuz. Natürlich wollte der Gegner wissen, was hier an Gütern umgeschlagen wurde. Zu Kampfhandlungen und Schusswechseln war es bisher nicht gekommen. Während Hunderte von heimischen Männern an den verschiedenen Fronten in den letzten Kriegstagen kämpften oder bereits gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren, blieb die Stadt bis dahin von direkten Kriegsschäden verschont. An diesem Tag wurde alles anders.

Überlieferungen nach haben Flak-Helfer, zumeist Jugendliche, die das Hitler-Regime noch zuletzt in diesen Kriegswahnsinn gezwungen hatte, das Feuer auf das sowjetische Aufklärungsflugzeug eröffnet. Geflogen wurde die Maschine von einer Pilotin. Sie erwiderte den Beschuss und traf u.a. einen auf dem Bahnhof in Nähe des abgestellten todbringenden Zuges befindlichen Wagon mit Stroh. Der geriet in Flammen, das Feuer erreichte einen der Munitionswaggons und die Katastrophe nahm ihren Lauf. In einer Kette von enormen Explosionen flog alles in die Luft, was im Bereich Bahnhof, Bahnhofstraße bis hin zur Dörfelstraße, heutige Straße Am Bahnhof bis weit in die Lindenstraße hinein usw. stand. Die Druckwelle ließ Scheiben in der ganzen Stadt zerspringen. Die Mutter des Autors war an diesem Tag als Flüchtlingskind in Birkenfelde. Selbst dort flogen Glasscheiben heraus. Augenzeugen berichteten, das Achsenteile von Wagons bis in die Nähe des Marktplatzes flogen. Explosionstrümmer verteilten sich über die ganze Stadt. Brände brachen dadurch aus.

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Rückseite des Bahnhofs um 1900.

Einem Pritzwalker Lokführer war es gelungen einen Teil des Munitionszuges todesmutig aus der Stadt in Richtung des heutigen Zahnradwerkes heraus zu ziehen. Das hat vielen Menschen sicher das Leben gerettet.

Die größte Tragödie ereignete sich aber direkt vor dem Bahnhof. Hier stand, etwa dort wo heute die Bahnhofstraße verläuft und im angrenzenden Park, ein Hotel und ein großes Kino. Viele Menschen hatten sich gerade an diesem Abend dort versammelt, um sich bei einem UFA-Unterhaltungsfilm vom Alltag des nun schon sechs Jahre andauernden Weltkrieges abzulenken. Als ob das Schicksal es vorherbestimmt hätte: Der dort gezeigte Film hieß „Es fing so harmlos an“ (Er wird als Teil der Gedenkveranstaltung am 18.04.2015 am Nachmittag in der ehemaligen Gepäckabfertigung des neuen Bahnhofs noch einmal präsentiert).

Aus dem Kino konnte sich kaum jemand retten. Eine Online-Leserin unserer Zeitung berichtete heute, dass ihr Oma eigentlich an diesem Tag auch in das Kino gehen wollte, aber letztendlich doch davon Abstand nahm. Welche ein Glück für diese Frau! Wie viele Menschen im Kino umkamen konnte nie genau geklärt werden. Auch die Gesamtopferzahlen blieben unklar. Man kann wohl mit 150 – 350 Toten und unzähligen Opfern rechnen.

Eine kleine Stadt wurde hart getroffen. Die Menschen wußten natürlich nicht was passiert war. Viele gingen von einem massiven Bombenangriff auf die Stadt aus. Erst viel später erfuhren die Einwohner, was dieses Elend für sie ausgelöst hatte. Ein riesiges Loch klaffte dort, wo einst der alte Bahnhof gestanden hatte. Der gesamte Schutt wurde im Zuge der Aufräumungsarbeiten nach Kriegsende dorthin gebracht, um die Fläche wieder halbwegs aufzufüllen. Erst Mitte der fünfziger Jahre entstand mit dem neuen, heute noch sichtbaren Bahnhofsgebäude etwas Neues vor Ort. Der Neubau steht viel weiter entfernt von den Bahngleisen, als der alte Bahnhof. Deshalb hat er auch einen solch breiten Platz hinter dem eindrucksvollen Bahnhofsneubau. Wo er steht, verlief früher die Bahnhofstraße (siehe Bild von 1935).

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Der Bahnhofsneubau um 1956.

Es ist sehr erfreulich, dass die Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Stadtmuseum um eine angemessene Gedenkveranstaltung am Samstag, dem 18.04. ab 14 Uhr auf dem Pritzwalker Bahnhofsgelände bemüht hat. Zugleich werden von diesem Tage an auch Erinnerungstafeln im Saal des Bahnhofs zu sehen sein.

Neben den normalen Schwierigkeiten des Lebens, der Trauer oder Ungewissheit über die Angehörigen und Bekannten an den Kriegsfronten kam am 15.04.1945 der Krieg ganz direkt nach Pritzwalk. Man kann den Menschen der damaligen Zeit nur größten Respekt für ihre Leidensfähigkeit zollen. Reden Sie mit Ihren Großeltern, Nachbarn usw. Vielleicht finden Sie unter Ihnen noch Zeitzeugen. Dieses schreckliche Ereignis darf nicht vergessen werden, zumal es uns immer wieder die Unsinnigkeit von Kriegen vor Augen führt. Das darf nie wieder geschehen!

Hartmut Winkelmann

Zum Programm der Gedenkveranstaltung >>

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