Arbeit und Soziales

Pritzwalk-Nord – Perspektiven eines Stadtteils


Pritzwalk-Nord – das seit Ende der 1960er Jahre errichtete neue Stadtviertel, war zu Zeiten seiner Entstehung der Inbegriff für junge Familien, die zumeist Arbeit in den gerade neu entstehenden Industriebetrieben, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen der aufblühenden Kleinstadt fanden. Der Wohnraumbedarf stieg rasant und deshalb wurde sehr viel und zügig gebaut. Neben dem wegen der oft aus dem Süden der DDR stammenden zuziehenden Facharbeiterinnen und Facharbeiter „Sachsenring“ genannten Neubauviertel Zur Hainholzmühle war das Stadtgebiet Nord der hauptsächliche Wachstumsraum der Stadt.

Mit den Jahren alterte nicht nur die durchschnittliche Bevölkerung, nein auch gerade der altersmässig sehr einheitliche Bevölkerungskern des Wohngebietes kam in die Jahre. Natürlich zogen auch immer wieder jüngere Pritzwalkerinnen und Pritzwalker nach Nord – die Grundstruktur blieb aber gleich. Einen scharfen Einschnitt gab es mit der Wende. Ein Teil der grossen Betriebe machte dicht oder reduzierte zumindest seine Beschäftigungszahlen rapide. Vor allem jüngere Leute suchten woanders nach Lohn und Brot, zumeist im Westen des vereinigten Deutschlands. Die Bevölkerung von Pritzwalk-Nord wurde auch dadurch im Schnitt älter.

Von Neubau war danach bei sinkender Einwohnerzahl insgesamt keine Rede mehr. Wenn etwas neu entstand, dann als Einfamilienhäuser auf der grünen Wiese. Der Stadtteil Nord wurde mehr oder weniger nur verwaltet. Über die Jahre seit 1970 hinweg hatte sich hier unter den Bewohnern ein Gemeinsinn entwickelt: Man war schon so lange Nachbar, viele arbeiteten im gleichen Betrieb, die Kinder waren miteinander aufgewachsen. Es war eine echte Gemeinschaft. Und das hielt sich mancherorts, auch wenn die Bewohner nun oft bereits in den 70ern oder sogar älter waren.

Vom jungen Stadtteil war wenig geblieben. Allein die heutige Rochow-Schule und die große Kita bieten Zentren jungen Lebens. Jugendliche fühlen sich im Wohngebiet wenig zuhause. Einzig das Jugendfreizeitzentrum bemüht sich um Angebote. Zwei grosse, zur Zeit im Um- und Ausbau befindliche Verkaufseinrichtungen halten das Leben im Stadtteil. Engagierte Unternehmen wie die Prignitzer Speisewirtschaft, das Sanitätshaus Nordlicht und die Pflegeeinrichtung Feuerböter halten wirtschaftliches Leben im Gange und bieten Arbeit vor Ort.

Es stellt sich aber zunehmend die Frage, wie man den Charakter des Wohngbietes zukünftig formen will. Stadtverwaltung und die Wohnungsbauunternehmen, denen die Blöcke gehören, versuchen sich dem gegenwärtig bewusst anzunehmen. Die Rahmenbedingungen sind schwierig. Der steigende Sanierungsbedarf der in die Jahre gekommenen Wohnsubstanz und die parallel dazu sinkende Bewohnerzahl sind echte Herausforderungen. Zudem fordern Land und Bund in ihren Bedingungen für die Vergabe von dringend notwendigen Stadtumbaumitteln den systematischen Abriss leerstehenden Wohnsubstanz, besonders an den Stadträndern, also auch in Nord. Ohne diese nicht unerheblichen Zuwendungen würde manches Entwicklungsprojekt im gesamten Stadtgebiet nicht möglich sein. Weiterhin tragen diese Geldgeber im Falle eines solches Abrisses alle Kosten. Das ist ein wirklich schlagendes Argument für dievkaum finanzstarken Wohnungsunternehmen. Daran führt bei aller Kritik kein Weg vorbei.

Mit entsprechenden Abrissarbeiten wurde in den vergangenen Jahren begonnen. So fielen die Blöcke 1 und 2 an der Schillerstraße und der jüngste Neubau Am Ring / Ecke Meyenburger Tor. Das Objekt Nordstrasse 11-15 gegenüber der Rochowschule ist jetzt leergezogen und steht in den kommenden Monaten zum Abriss. Widerstand dagegen gab es erheblichen! Die Bewohner wollten ihre alte Heimat, in der sie oft seit 50 Jahren lebten, nicht aufgeben. Die verbleibende Gemeinschaft wollten sie bewahren.

Letztendlich war ihr Kampf vergebens, auch deshalb weil etliche Stadtverordnete und Verwaltungsverantwortliche nicht in Alternativen denken können oder wollen. Dabei predigt man doch so oft von der „kommunalen Gemeinschaft“, innerhalb derer man sich austauschen und voneinander lernen könne. Das geht aber nicht nur in der Form, dass sich andere von der tollen Stadt Pritzwalk etwas abschauen können! Allein ein Blick zum Nachbarn Wittstock hätte gereicht, um andere Modelle und Lösungsansätze für eine sehr ähnliche Problemlage zu finden. Hier hat man aus den typischen fünfstöckigen WBS50-Blöcken durch Abtragen von zwei Geschossen und deren Wiederverwendung als ideenreicher Anbau plus grundlegender baulicher und energetischer Sanierung plus farblich ansprechendem Neuanstrich attraktive Wohnwelten geschaffen. Es ginge also!

Welche Perspektiven gibt es bei dieser Ausgangslage für Pritzwalk-Nord? Hier eine These: Ein blühender Ort der städtischen Jugend wird es nicht mehr werden. Es gilt einen Mix zu finden, in dem sich ältere wie auch jüngere Pritzwalker wohl fühlen können, eine echte Heimat finden. Die vorhandene Einwohnerschaft in ihrer Altersstruktur gibt bestimmte Lösungsansätze vor. Die durch den Abriss frei gewordenen Räume sollte man keineswegs für private Einfamilienhäuser oder ähnliche Projekte nutzen. Es handelt sich um zentrale öffentliche Räume – und das sollten sie bleiben. Medizinische und soziale Einrichtungen können hier ihren Platz finden. Davon hätten alle einen Nutzen. Nicht nur die Alten. Passend wären auch altersgerechte Wohnungen neusten Standards. Verständlicherweise ist die Nachfrage nach selbstbestimmtem Wohnen in einer betreuenden Gemeinschaft stetig steigend. Für Nachfrage ist also gesorgt. Käme noch ein zentrales Café hinzu könnte sich das zu einem neuen Ort der Begegnung entwickeln und damit neues Gemeinschaftsgefühl wachsen. Nicht nur für die Alten, nicht nur für die Jungen.

Wenn es zusätzlich noch gelänge bestimmte Leerstände interessant für jüngere Jahrgänge zu machen, hätte Pritzwalk-Nord eine vielschichtige Zukunft. Nicht jeder kann oder will in die Eigenheimsiedlung ziehen! Die Stadt unternimmt viel zum Erhalt und Ausbau der Kindereinrichtungen als einem gravierenden Baustein für jede Zukunftsplanung. Das ist gut so! Ein wenig mehr Kreativität bei mancher Modernisierungsmassnahme stünde Pritzwalk aber generell gut.

Aber klar: Über allem steht der schnöde Mammon! Jede Idee braucht eine Finanzierung – manchmal auch die richtigen Partner jenseits einer ideologisch geprägten konservativen Privatisierungssucht. Der ständige Verweis auf die finanziellen Reserven der Stadt ist aber auch kein tragfägiges Rezept. Das ist zu kurz gedacht. Nach dem Ruf einiger sollte Pritzwalk seine Rücklagen für alles mögliche einsetzen. Rücklagen wachsen aber leider nicht so einfach nach und man muss auch weiterhin, gerade in diesen unsicheren Zeiten, verantwortungsvoll damit umgehen. Der simple Ruf „Stadt und WBG greift in eure Taschen und macht mal!“ ist eindeutig zu kurz gedacht.

Eine stärkere öffentliche, auch generationsübergreifende Diskussion über die weitere Entwicklung dieses interessanten und geschichtsträchtigen Stadtviertels wäre wünschenswert und sollte nicht von vornherein abgeblockt werden. Diskussion macht Mühe und mancher wird nur schwer verstehen, daß sein Traum so nicht umsetzbar ist. Die Ergebnisse sind dann aber aller Mühen wert.

Hartmut Winkelmann / Fotos: PSZ und Privat


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