Frauen

Traumhaft

Ich habe einen Traum. Es ist kein Traum, der sich in einer Nacht fertig geträumt hat. Es ist auch kein Traum, der sich am Morgen im Alltag auflöst. Es ist ein Traum, der mich täglich bewegt und antreibt.

Irgendwann begann er als kleine Spinnerei. Ich wollte weg, als ich das Gefühl bekam, hier nicht mehr hinzupassen. Ich fühlte mich erdrückt und eingesperrt in einer Gesellschaft und von Menschen, deren Vorstellungen, sinnlosen Regelungen, unlogischen Verbote, und Lebensansichten mit meinen nicht mehr konform waren. In letzter Zeit hatte ich immer öfter den Eindruck, wie eine Marionette an Fäden in Richtungen bewegt zu werden, in die ich gar nicht will. Aber wohin soll ich, wohin kann ich dem entfliehen?

Mit dieser Frage entstand der Traum vom Abhauen. Ein alter VW Bus sollte es sein, in dem ich ein paar Dinge verstauen und eine Zeit lang unterwegs sein könnte. Er verkörperte den Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Farbe, Aussehen, Alter des Busses waren zunächst völlig egal. Es war ja nur eine Spinnerei.

Es mag verrückt klingen, aber ich habe mir in meinem Haus Punkte geschaffen, die mich ständig an diesen Traum erinnern, damit ich ihn im Lärm des Alltags niemals vergesse. Ein Mini-Bulli schmückt meine Kommode im Flur. An den Strand des Leinwandbildes von der Ostsee habe ich einen VW Bus geklebt. Über meinem Schreibtisch hängen ein Foto des Busses, den ich bereits mit einem Bildbearbeitungsprogramm entsprechend beschriftet habe, und auch mein Führerschein. Neulich habe ich eine kleine Reisetasche dazugestellt. Dort packe ich mittlerweile die ersten kleinen Dinge ein, die ich auf meiner Reise mitnehmen werde. Sie gibt mir das Gefühl, dass ich jederzeit einfach losfahren kann.

Es ist ein Geschenk, auf dieser Reise und in diesem etwas verrückten Traum nicht allein unterwegs sein zu müssen. Denn ich möchte jemanden dazu einladen, einen Lieblingsmenschen.

Mit mir wird jemand Sonnenunter- und -aufgänge aufsaugen, dem ebenso egal ist, wo wir am nächsten Tag sein werden. Ich kann kaum erwarten, mit ihm an Orte zu kommen, von denen ich bisher gehört habe, aber an denen ich noch nie gewesen bin. Ich freue mich auf Sonne, auf Wind, auf Regen und auf Wolken über mir. Ich fiebere der Zeitlosigkeit entgegen, mit der wir unterwegs sein werden und ich spüre das Lebensgefühl, welches mir dieser Bus geben wird.

Ich lebe nun für diesen Traum, jeden Tag. Er sitzt so tief und brennt in mir manchmal so stark, dass ich Bauchschmerzen bekomme. Die Sehnsucht treibt auch hin und wieder ein paar Tränen in die Augen. Aber es sind keine Tränen der Traurigkeit, weil immer noch keine Lösung zur Verwirklichung da ist. Es ist Vorfreude, unglaubliche Vorfreude auf diesen Tag, an dem wir beide einsteigen und losfahren werden.

Aber auch, wenn ich mir verdammt sicher bin, dass wir eines Tages zusammen lachend auf einer Landstraße im roten VW Bus unterwegs sein werden, erwischt mich in stillen Momenten die Sorge, dass unsere Zeit nicht reichen könnte,

Ich weiß es nicht. Ich träume ja schließlich nur.

Meine Zeit hier ist begrenzt und vielleicht werde ich diesen so wahnsinnig großen Traum eines Tages dorthin mitnehmen müssen, wo es keiner Träume mehr bedarf. Aber, wenn das geschieht, werde ich mich vielleicht ein letztes Mal lächelnd an unsere strahlenden Augen in den zahllosen Nächten des Träumens erinnern und an all die Orte, an die unser Bulli uns brachte…

… ohne dass ich sie jemals sah.

Andrea Petrick


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