Arbeit und Soziales

Ernst Henkel – ein Mann der mehr Ehrung in Pritzwalk verdient hätte


Der Pritzwalker Sozialdemokrat Ernst Henkel ist mit seiner Haltung in der Weimarer Republik und seinem Leiden unter der Nazidiktatur eine herausragende Persönlichkeit der regionalen Geschichte. Dieser Mann verdient mehr Ehrung in seiner Heimatstadt – darüber waren sich alle Redner und wohl auch die allermeisten Zuhörer einig.

An der von der Museumsfabrik und der Gesellschaft für Heimatgeschichte gut vorbereiteten Veranstaltung am 9.11., einem für die deutsche Geschichte in mehrerer Hinsicht bedeutsamen Datum, trafen sich über 40 Interessierte im Saal der Museumsfabrik und hörten den Ausführungen der Dozenten, darunter die Potsdamer Sozialwissenschaftlerin Prof. Sabine Hering und der Historiker Dr. Sebastian Stude aufmerksam zu. Beide haben Ernst Henkels Biografie im Rahmen eines Buchprojektes neu aufgearbeitet. Sie erzählten und diskutierten gemeinsam mit Dr. Peter Henkel, Ernst Henkels Enkel, über die Bedeutung und Nachwirkung des Pritzwalkers.

In der Nähe von Dortmund geboren fand Ernst Henkel seinen Weg als Matrose in die kaiserliche Marine in Kiel. Gesundheitliche Probleme erlaubten ihm nur den Einsatz im Rückwärtigen Dienst. 1918 erlebte er den Kieler Matrosenaufstand. Hier hegte er offensichtlich erste Sympathien.

Nach Kriegsende standen dem Ex-Marinesoldaten öffentliche Laufbahnen offen. Nach einer kurzen fachlichen Ausbildung erhielt Ernst Henkel einen Job als Kanzleigehilfe im Amtsgericht Pritzwalk. In Pritzwalk fand er auch bald seine geliebte Frau Alinde. Beide fühlten sich der SPD nah und traten 1919 in sie ein. Von da an begann die kommunalpolitische Karriere Henkels. Er wurde Stadtverordneter seiner Partei in der Dömnitzstadt. Weiterhin war er in verschiedenen sozialdemokratischen Organisationen aktiv, ebenso in der Landarbeitergewerkschaft. Der begabte Redner und politische Streiter avancierte zu einem führenden Sozialdemokraten der Region.

Als die Nazis 1933 in Deutschland die Macht übernahmen änderte sich auch in Pritzwalk fast alles. Zum neuen Bürgermeister wurde ein NSDAP-Mann gewählt und der kündigte an den „Marxismus auch in der Stadt ausrotten“ zu wollen. Henkel wurde nach den verschiedenen Ermächtigungsgesetzen des Hitler-Regimes im Anschluß an eine turbulente Stadtverordnetenversammlung vom rechten Mob durch die Pritzwalker Straßen gejagt und landete schwerverletzt im Krankenhaus. Von dort wurde er in ein Polizeihospital überführt und seine Zeit in Freiheit war vorbei. Zuvor hatte man ihn, wie seine sozialdemokratischen und kommunistischen Kollegen ihrer Mandate beraubt.

Ernst Henkel wurde anschließend im Straflager in Alt Daber eingesperrt. Schwerste körperliche Misshandlungen folgten. Alle Zähne wurden ihm ausgeschlagen. Reihenweise würde er verhört und dabei geprügelt. Man stieß ihn eine Steintreppe hinunter. Er musste in einem Kellerverlies hausen. Anschließend überführten ihn die Faschisten in das KZ Oranienburg. Die Misshandlungen gingen weiter. Mitte 1934 musste Henkel als „Schutzhäftling“ entlassen werden. Die ganze Zeit hatte man keine konkreten Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Er kehrte nach Pritzwalk zurück, durfte aber nicht arbeiten. Fast alle bürgerlichen Rechte waren ihm und seiner Familie genommen. Überleben konnten sie nur durch die heimliche Hilfe von Gesinnungsgenossen. 1944 erkrankte Ernst Henkel schwer. Er verstarb im gleichen Jahr. Inwieweit sein Tod eine Spätfolge der KZ-Haft war, bleibt noch weiter Gegenstand der Forschung.

Nach dem Kriegsende begann die spätere DDR-Führung diese antifaschistische Figur der Geschichte in ihrem Sinne einzuordnen. Schon dabei gab es Umdeutungen bestimmter Aspekte. Zumindest wurde mit dem noch heute dort stehenden Ehrenstein an Ernst Henkel erinnert. Der Platz erhielt seinen Namen.

Im allgemeinen Abwicklungswahn der direkten Nachwendezeit wurden per Beschluß der Stadtverordneten alle Namensveränderungen von Straßen und Plätzen in Pritzwalk getilgt. „Das damit auch eine konkrete historische Persönlichkeit wie Ernst Henkel betroffen war interessierte wohl damals niemanden.“ meinte Dr. Stude.

Alle Diskussionsteilnehmer sprachen sich als einzig gangbaren Weg in der Zukunft für eine Rückbenennung des Ernst-Henkel-Platzes aus. Wohlgemerkt: Es sollten aus ihrer Sicht nicht alle Umbenennungen rückgängig gemacht werden, aber bei Henkel in jedem Fall!

Wir sind es diesem aufrechten Mann schuldig! Kleinliche Probleme einer Umbenennung dürfen hier keine Rolle spielen. Der Status als „Hundekackplatz“ ist für einen Ort, an dem ein Gedenkstein an einen aufrechten Sohn der Stadt steht unerträglich.

Zum Ende der Veranstaltung führten die Dozenten ein Podiumsgespräch, bei dem es auch um den Menschen Ernst Henkel ging, um seine ganz private Seite. Sehr viel interessantes konnte dazu Dr. Peter Henkel beitragen.

Siegbert Winter, heutiger Pritzwalker SPD-Ortsvorsitzender und Kommunalabgeordneter, meinte resümierend: „Dieser Abend hat mich enorm motiviert weiter für die Erinnerung an Ernst Henkel zu streiten. Die Stadt Pritzwalk muss da mehr tun! Es gab für mich viel Neues zu hören. „

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Hartmut Winkelmann / Fotos: PSZ


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