Bildungsarbeit

Pritzwalker Explosionskatastrophe 1945 – Waren es vielleicht gar keine V2-Waffen?


In der Vortragsreihe der Museumsfabrik Pritzwalk gab es am Mittwoch wieder hochinteressante Inhalte zu erfahren. Es ging um Deutschlands „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 aus den Jahren 1930-1945, mit denen insbesondere unter den Nazis Krieg gegen die Zivilbevölkerung der Alliierten geführt werden sollte. Pritzwalk hat zu diesen Terrorwaffen einen ganz eigenen Bezug, ist doch hier auf dem Bahnhofsgelände im April 1945 ein Zug mit Munition, vermeintlich V2-Raketenteile, nach Beschuss durch ein Aufklärungsflugzeug explodiert. Vermutlich über 200 Menschen fanden an diesem Tag den Tod.

Der Historiker Thomas Köhler vom Historisch-Technischen Museum Peenemünde trug in kompetenter und launiger Art unter dem Titel „Raketen zwischen Peenemünde und der Prignitz“ alles Wichtige zur Entwicklung und den Hintergründen der V-Waffenentwicklung zusammen. In Peenemünde war damals das Entwicklungszentrum für das gigantische Rüstungsprogramm angesiedelt. Zehntausende Fachleute, später auch Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, wurden herangezogen. Die Naziführung wollte mit diesen „Wunderwaffen“ den Krieg zu seinen Gunsten entscheiden. Intern glaubten die beteiligten Wissenschaftler aber bereits 1941 nicht mehr an die Machbarkeit der größenwahnsinnigen Planungen.

Über 50 Besucherinnen und Besucher waren gekommen.

Museumschef Schladitz und seine Mitarbeiterinnen

trugen immer wieder zusätzliche Stühle in den Vortragsraum.

Schön, das so viel Interesse an diesem Thema bestand.

Im Zuge der Forschungen wurden zahlreiche bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Nebenprodukte waren neue Produktionsverfahren und Steuerungsmethoden. Selbst das Kabel-TV wurde quasi in Peenemünde erfunden. Ziel aller Bemühungen sollte später einmal eine gigantische Interkontinentalrakete sein, mit der man sogar New York treffen und bis ins Weltall vordringen könnte. Der junge Werner von Braun, später für die US-Amerikaner tätig und an deren Raumfahrtprogramm führend beteiligt, war einer der fähigen Köpfe im Raketenprogramm.

Bis Kriegsende brachte man die Vergeltungswaffen „V1“ und „V2“ zur Einsatzreife. Komplizierte Bedingungen musste man meistern, bevor deren Start möglich war. Insgesamt wurden über 3.000 V2-Raketen abgefeuert, fast ausschließlich im Einsatz gegen London, Paris und den schon von Amerikanern und Briten besetzten Tiefseehafen Antwerpen. Gerade beim Beschuss der britischen Hauptstadt kamen tausende Menschen zu Tode, fast ausschließlich Zivilisten. So wollte es Hitler und seine Führung auch – es sollte Terror verbreitet werden. Die Luftherrschaft hatte Deutschland schon nach wenigen Kriegsjahren verloren. Mit den Raketen wollte man „den Feind“ aber trotzdem treffen.

Dann kam Thomas Köhler auf die letzten Kriegswochen und die Ereignisse in Pritzwalk zu sprechen. Fest steht, das hier auf dem Bahnhof am 15. April 1945 ein Munitionszug explodierte. Auf dem Bahnhofsgelände und im direkt davor liegenden Kino, dort wo sich heute die Bahnhofsstraße und die Parkanlagen des Platzes des Friedens befinden, kamen ungezählte Menschen ums Leben. Der Film, der gerade im Kino lief, hatte grotesker Weise den Titel „Es fing so harmlos an“. Fast ein Drittel des damaligen Pritzwalk war mit einem Schlag zerstört. In weiteren Teilen der Stadt und selbst in einigen Ortsteilen waren Schäden zu verzeichnen. Der Referent hatte einige Beispiele für die in Pritzwalk gepflegte Erinnerungskultur gesammelt. Die Artikel unserer PRITZWALKER STADTZEITUNG präsentierte Thomas Köhler dafür als Beweis (siehe Foto).

Nicht beantwortet werden konnte bisher die Frage, was der Zug wirklich geladen hatte. Er war vollständig getarnt unterwegs. Auch sein Herkunfts- und Bestimmungsort blieben verborgen. Entsprechende Papiere hatten das Kriegsende nicht überstanden. Der Vortragende hatte sich die Mühe gemacht in nach 1945 nach Amerika ausgelagerten und später dort am Smithonian Institute digitalisierten Unterlagen zum Thema zu forschen. Er fand dort dann doch noch ein Schreiben, in dem eine Wehrmachtsstelle als zuständig für diese Zugverbindungen genannt wird, die ausschließlich mit normaler Kriegsmunition befasst war, keinesfalls aber mit Vergeltungswaffen. Auch die von Thomas Köhler untersuchten Beschreibungen der von damals geschilderten Anzahl an Explosionen und deren Folgen, bringen ihn zu der Vermutung, das es sich um eine große Ladung herkömmlicher Munition gehandelt haben könnte.

V2-Waffen waren so konstruiert, das sie extreme Temperaturen (wie beim Aufstieg an die Grenze der Lufthülle der Erde nach dem Abschuss) und selbst den direkten Beschuss mit Feuerwaffen aushalten. Erhalten gebliebene Fotos von anderen Explosionsorten dieser Raketen zeigen deren hohe Beständigkeit gegen Feuer- oder Sprengstoffeinwirkung. Die Waffe wurde auch niemals vollständig zusammengebaut und einsatzfähig transportiert.

Das von Köhler entdeckte Schreiben der Wehrmachtsstelle stellt auch eine Verbindung zu Güstrow her. Das ist ein möglicher Herkunfts- oder Zielort, denn in Güstrow befand sich zu dieser Zeit ein riesiger Munitionslagerort. Somit wäre eine Bahnverbindung über Pritzwalk logisch. Auf der anderen Seite war einige Tage vor dem Explosionsdatum 15. April 1945 die Elbbrücke bei Wittenberge bereits gesprengt worden. In diese Richtung war also ein Transport nicht mehr möglich. Zudem standen da die US-Amerikaner bereits fast an der Elbe, während die Sowjetarmee schon auf Kyritz vorrückten. Ein Munitionszug von oder nach Güstrow wäre damit denkbar. Was er genau geladen hatte wird wohl weiter ungeklärt bleiben.

Egal was der explodierte Zug geladen hatte und wohin er wollte: Um die weit über 200 an diesem Tag in Pritzwalk Gestorbenen ist zu trauern und die Stadt und gesellschaftlich Engagierte tun gut daran die Erinnerung wach zu halten. Auch heute sterben wieder unschuldige Menschen in sinnlosen Kriegen!

Hartmut Winkelmann / Fotos: PSZ


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