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Herr P. war heute wieder sehr in Rage

Herr P. war heute wieder sehr in Rage. „Völlig heruntergewirtschaftet unser Land, alles kaputt, schlimmer als zu DDR-Zeiten“, ging es ihm durch den Kopf und er spürte Wut auf das in seiner Wahrnehmung „linksextreme Regime“. Als er in seinen kürzlich gekauften VW Touareg 3.0 V6 TDI SCR 4MOTION (Neupreis knapp 60.000 Euro) stieg und darunter litt, wie schlecht es ihm gehe und wie kaputt in Deutschland alles sei, entschied er sich, die neu gebaute Umgehungsstraße zu nutzen.

Vorbei am neuen Einkaufszentrum und an der vor zwei Monaten eröffneten neuen Sporthalle eilte er dem Zubringer des Stadtrings zu. Sein Blick fiel auf die Preistafel der Tankstelle. „Alles wird immer teurer“ dachte er, denn der Literpreis für Diesel lag jetzt wieder über zwei Euro. Auf der Beschleunigungsspur zur neuen Straße genoss er die Kraft seines Wagens. „Unter 230 PS ist asozial“ schmunzelte er. Als wenige Kilometer später der Blitzer auslöste, war die Wut wieder da: „Wie Zitronen werden wir ausgepresst, wir kleinen Leute, das wird alles immer schlimmer! Scholz und Lindner müssen wieder weg!“

Den Rundfunknachrichten glaubte er schon lange nicht mehr, als Gegner der Rundfunkgebühr verstand er sich ebenfalls, aber im Auto hörte er dennoch oft Radio. Der Nachrichtensprecher informierte über die Zustände in deutschen Tierschlachtfabriken. „Nichts bekommt sie in den Griff, diese verbrecherische Politik, außer ihren eigenen Vorteil“, dachte Herr P. Anschließend lief ein Interview mit einer Oppositionspolitikerin, welche die Regierung scharf wegen eines gesundheitspolitischen Themas angriff. „Die stecken doch alle unter einer Decke“, dachte Herr P. da, „alle zusammen haben die unser Gesundheitssystem kaputtgespart, und ich muss diese horrenden Zwangsbeiträge leisten, ohne jede Gegenleistung. Das ist doch keine Demokratie mehr!“

Da sah Herr P. auf dem Bürgersteig eine offensichtlich arabischstämmige Familie, Eltern und vier Kinder, die Mutter und die beiden Töchter mit Kopftuch. Erneut waren seine Emotionen in Wallung: „Die wollen uns ausrotten, in zehn Jahren bilden die die Mehrheit in Deutschland, und das Regime unterstützt das!“

Nachdem Herr P. im Dönerladen gegessen hatte, parkte er seinen Wagen vor dem Discountermarkt. Grillfleisch für´s Wochenende war heute im Angebot, mariniert und in Plastik verschweißt, das Kilo für gut sieben Euro. „Na wirklich billig ist das aber nicht“, dachte Herr P. Und Nudel, Mehl und Öl gibt’s gar nicht, na ich hab die nicht gewählt, dachte Herr P.

„Rege dich doch nicht immer so auf“, sagte seine Frau am Abend. Herr P. hatte im Internet etwas über Drogenkriminalität gelesen und – sehr wütend, nach dem vierten Bier – einen Kommentar verfasst, in dem er forderte, dass Rauschgiftkonsumenten viel härter bestraft werden und dass mit der „Kuscheljustiz“ endlich Schluss sein müsse. Während er seinen Kommentar öffentlich postete, empörte sich Herr P. darüber, dass er in Deutschland seine Meinung nicht offen sagen dürfe.

Es war ein stechender, vernichtender Schmerz im Brustkorb, von dem Herr P. gegen vier Uhr morgens erwachte. Der Notarzt, den seine Frau gerufen hatte, war nach neun Minuten da, zwanzig Minuten später lag Herr P. auf einer Intensivstation des „verrotteten Gesundheitssystems“. „Sie hatten Glück, der Infarkt hat ihren Herzmuskel nicht massiv geschädigt, der Rettungsdienst war schnell. Seien sie froh, in Deutschland zu leben“, teilte der dunkelhäutige Stationsarzt Herrn P. am folgenden Tag mit leicht arabischem, ein wenig ins Sächsische eingefärbten Akzent mit.

Andrea Petrick


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