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NACHGEFRAGT: „Wir werden doch nicht unsere eigenen Böden verseuchen!“

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Zwei junge Landwirte: Mario Ortlieb (li.) und Tim Frädrich.

 

Was passiert denn wirklich auf unseren Feldern? …

Viel Aufsehen hat der Artikel zu den Ackerflächen nördlich Pritzwalks in der letzten Stadtzeitung ausgelöst. Manch einer fand diese individuelle Meinung gut, gerade zahlreiche Landwirte sahen sich völlig falsch dargestellt und als Sündenböcke dargestellt. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Der PBK Unternehmensverbund aus Pritzwalk, Bewirtschafter der im Artikel erwähnten Artikel war mit seinem Geschäftsführer Ackerbau Tim Frädrich bereit zu einem Gespräch. Landwirt Mario Ortlieb aus Sarnow kam hinzu, da ihm das Thema ebenso am Herzen liegt. Beide nahmen sich fast zwei Stunden Zeit, um dem Stadtzeitungs-Redakteur ganz praktisch und vor Ort die Situation aus ihrer Sicht zu schildern. Das war ein wirklich erkenntnisreiches Gespräch. Danach wurde eines klar: Schwarz und Weiß gibt es nicht in der heutigen Landwirtschaft und manches was dem Bauern heute unterstellt wird trifft so nicht zu.

Im Artikel wurden die mit einem Unkrautvernichtungsmittel gespritzten Felder am Sommersberg angesprochen. Die beiden Gesprächspartner unserer Zeitung luden uns auf genau diesen Acker ein, um sich dort ein praktisches Bild machen zu können. Der Boden war im November 2019 gespritzt worden. Wie Tim Frädrich erklärte, diente diese Maßnahme dem Abtöten alter Saaten und von Unkräutern in Vorbereitung der neuen Bestellung. In dem Mittel sei auch in sehr geringem Maße Glyphosat enthalten gewesen. In Deutschland gebe es allerdings, im Unterschied zum Ausland, sehr strenge Auflagen zur Dosierung und Anwendung des umstrittenen Mittels. Als regional ansässiger Agrarbetrieb, der jedes Jahr wieder die gleichen Flächen bewirtschaftet, sei man bei Strafe des eigenen Untergangs dazu verpflichtet den Boden anständig zu behandeln. „Wir sind auf die langfristige Ertragsfähigkeit unserer Böden angewiesen und werden sie allein schon deshalb nicht mit Giftstoffen verseuchen!“, so Frädrich.

Glyphosathaltige Substanzen würden niemals auf Lebensmittel oder Tierfutter gespritzt. Ihre Verwendung erfolgt immer weit vor der eigentlichen Aussaat, hier im April. Die Aktion im November hätte ausschließlich gegen die zu dem Zeitpunkt grünen Pflanzenteile gewirkt, die einer erfolgreichen Neubestellung mit der Hauptfrucht im Wege stehen. Und tatsächlich! Beim Gang auf das Feld ragten bereits wieder an verschiedenen Stellen neue grüne Pflanzenteile empor. Die beiden Landwirte gaben die Anregung, an einer beliebigen Stelle des Ackers mit einem Spatenstich zu zeigen, ob der Boden hier noch „am Leben sei“. Tatsächlich! Schon der erste Spaten beförderte einen Regenwurm und zwei andere zappelnde Würmer zum Vorschein. Trotz der doch noch recht kühlen Temperaturen regte sich also an dieser Stelle einiges. Bei mehreren weiteren Proben bestätigte sich dieser Befund. „Unsere unterirdischen Mitarbeiter!“ nannte sie der PBK-Ackerbauchef. „Sie lockern unsere Böden auf. Wir müssten doch verrückt sein sie zu vernichten!“

 

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Bei einer willkürlichen Probe an mehreren Stellen des Ackers zeigte sich durchaus Leben im Boden.

Dem Reporter drängte sich dabei die Frage auf, ob das auch die großen Agrarkonzerne so sehen, die sich riesige Anbauflächen zusammenpachten und dann ohne eine solche regionale Verantwortlichkeit und lokale Verbundenheit wie Heuschrecken einfach weiterziehen. Wohl kaum! Hier gibt es sicher große Unterschiede zwischen den örtlichen Erzeugern und den riesigen „Agrarfabriken“.
Ein weiterer Kritikpunkt des genannten früheren Artikels war ja das unterlassene Pflügen der Felder. Mario Ortlieb erklärte: „Das Pflügen hat den Nachteil, dass der Boden bis zu einer gewissen Tiefe einfach umgebrochen wird. Direkt darunter verfestigt sich das Erdreich, wird ziemlich undurchlässig.“ An den Maschinen der PBK auf dem Betriebsgelände erklärte er dem Reporter die Wirkungsweise. „Durch das Verfestigen wird die Kapillarwirkung zur Versorgung der Pflanze unterbrochen. Wasser und Nährstoffe finden schwerer den Weg zur Pflanze.“ Tim Frädrich ergänzt: „Deshalb betreiben wir eine nichtwendende Bodenbearbeitung.“ Dabei greift ein Grubber, natürlich etwas größer als der für den eigenen Gartengebrauch, in einer Tiefe von 25-27 cm in den Ackerboden ein. Diese Bearbeitungsvariante ermöglicht auch eine bessere Regenaufnahme. Wasser ist ein entscheidender Faktor auf den trockenen Flächen der Prignitz. Vom Halten des Wassers und genügend Nährstoffen hängt letztendlich der wirtschaftliche Ertrag ab.

Pfluglose Bodenbearbeitung

Die nichtwendende, also pfluglose Bodenbearbeitung.

Die jetzt gelb-braunen Äcker werden mit natürlichem Dünger gestärkt. Dazu gehören Gärreste aus den Nährstoffkreisläufen der PBK-eigenen Anlagen. Etliche Fuhren Kuhmist aus der PBK Milchviehhaltung in Schhönhagen lagen bereits zur Verteilung am Feldrand bereit. Im April baue man Mais als spätere Futtergrundlage für die eigene Viehzucht an. Vieles ergibt einen sinnvollen Kreislauf. Die über Winter auf etwa 300 ha PBK-Flächen angebauten Zwischenfrüchte haben dabei noch einen anderen wichtigen Zweck: Sie dienen dazu den Boden zu halten. Bodenerosion soll verhindert werden. Je mehr Humusbildung man erreiche, je besser ist das für den Boden. Insekten und Niederwild profitieren ebenfalls davon. Die beiden jungen Bauern sind einer Meinung: „Das sind fachlich sinnvolle, freiwillige Leistungen der regionalen Landwirtschaftsbetriebe.“

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Der natürliche Dünger aus der betriebseigenen Kreislaufwirtschaft liegt am Feldrand schon bereit.

Gefragt nach den in der Politik in den letzten Monaten vollmundig diskutierten finanziellen Hilfszusagen für die heimischen Bauern, der sogenannten „Bauernmilliarde“, meinen unsere Gesprächspartner einhellig, dass sie keine weiteren Subventionen wollten, sondern anständige Erzeugungsbedingungen und Preise für ihre Produkte. Die Alternative – noch mehr genveränderte und mit einer unbegrenzten Menge an Chemie gespritzten Lebensmittel aus dem Ausland, vor allem aus Übersee – ist keine Lösung, die man als Bürger wirklich will.

Ortlieb will mit seinem Betrieb in Sarnow genau darauf aufmerksam machen. „Wir sollten uns einfach überlegen, was wir uns da jeden Tag in den Hals schieben!“ Man weiß viel zu wenig wie Landwirtschaft in unserer unmittelbaren Nähe funktioniert, wie unsere Lebensmittel entstehen und was dafür getan werden muß. Ein insgesamt äußerst lehrreicher Besuch bei den Landwirten ging zuende. Wir bedanken uns für die Einblicke! Die Stadtzeitung wird zukünftig öfter über derartige Themen berichten.

Hartmut Winkelmann / Bilder (3)

 

Weitere Infos hier:

 

PBK Logo
PBK Unternehmensverbund

Dazu gehören die PBK Marktfrucht GmbH Pritzwalk, die PBK Agrarproduktion GmbH Buchholz und die PBK Marktfrucht und Milch GmbH Kemnitz.

Der Betrieb beschäftigt insgesamt etwa 40 Arbeitskräfte, vornehmlich hier aus der Region. Er bewirtschaftet 2.900 Hektar, davon 400 Hektar Grünland.

In seiner Milchproduktionsanlage in Schönhagen hält die PBK 780 Milchkühe. Es werden prinzipiell nur gentechnikfreie Futtermittel verwandt.

Christian Beckmann ist Vorstand der PBK.

Mehr Infos unter:

www.pbk-pritzwalk.de

 

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Landwirtschaftsbetrieb Ortlieb GbR

Zum Familienunternehmen im Pritzwalker Ortsteil Sarnow gehört auch die Landgourmet Regionalvermarktung GmbH.

„Landwirtschaft sehen, fühlen, schmecken – Erlebe was du ißt!“ heißt es im Betrieb von Mario Ortlieb und seiner Lebenspartnerin Nicole Schulz. Lebensmittel werden nicht von dem Lebensmitteleinzelhandel produziert oder wachsen auch nicht einfach im Regal nach, nur weil die Regale jeden Montag wieder voll sind. Der Einzelhandel betreibt nur einen Verkaufsort für fertige Produkte, hergestellt und produziert wird an ganz anderer Stelle.

Der Landwirtschaftsbetrieb und die angeschlossene Regionalvermarktung bieten neben den üblichen Produkten der Felder auch selbstgeschlachtetes, natürlich erzeugtes Fleisch und vieles mehr.

Mehr Infos unter:

www.landgourmet-sarnow.de

 

Brunch-Time beim Landgourmet 2020 Kopie

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