Ideenwerkstatt

Neue Ideen für alte Marktplätze

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Mit dem Handel wandelt sich die Stadt. So könnte sie in Zukunft aussehen …

Die Stadt, so formulierte es der Soziologe Max Weber in einem gleichlautenden Essay, sei zuvorderst als Marktplatz definiert. Städte wurden stets an sich kreuzenden Handelswegen gegründet, den bevorzugten Plätzen für den Tausch von Waren aller Art. Die Stadt braucht den Handel. Nur stellt sich gerade die Frage, ob der Handel in Zukunft die Stadt noch braucht?

Auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin sprach etwa Michael Busch, Chef des zur Douglas Holding gehörenden Buchhändlers Thalia, bereits von einem Tsunami, der seine Branche heimsuche. Er prognostizierte einen Rückgang der Umsätze im stationären Buchhandel um bis zu 40 Prozent. Daher verkleinert Busch seinen Marktplatz, die seit 2010 aufgegebenen Flächen summieren sich auf mehr als 20.000 Quadratmeter.

Der Wandel im Handel reißt Lücken. Wie müssen sich Städte und Bauwerke verändern, um sie wieder zu füllen? Welche der künftigen Handelskonzepte funktionieren noch in den heutigen Gebäuden? Wie lassen sich künftig Mieten berechnen, wenn die heute gängige Umsatzbeteiligung von bis zu zwölf Prozent keinen Sinn mehr ergibt, da kaum noch festzustellen ist, welche Umsätze im Laden und welche im Internet gemacht wurden – es vielleicht auch gar nicht mehr ums Verkaufen geht, sondern nur noch ums Präsentieren?

Die Branche ändert sich rasant, fegt binnen Monaten Firmen aus ihren angestammten Märkten und damit auch den Gebäuden. Mit den Folgen befassen sich Stadtplaner, die es gewohnt sind, langfristig zu denken.

Derweil werden die Orte des Handels selbst zum Handelsgut. Investoren halten Gebäude in den (Groß-)Städten mittlerweile kaum länger als vier bis sechs Jahre, ehe sie diese wieder verkaufen. Früher war es doppelt so lange. Statt Entwicklung zählen schnelle Wertsteigerung, Vermietung – und der rechtzeitige Absprung. Lassen sich unter diesen Voraussetzungen Städte neu gestalten?

Fünf Experten aus den Bereichen Stadtplanung, Immobilienentwicklung und Einzelhandel haben Stadt- und Gebäudeansichten der Zukunft entworfen. Feste Wände gehören bald der Vergangenheit an, sie werden flexibel, am besten durchsichtig oder gleich zum virtuellen Warenregal – oder sie verschwinden ganz.

Und doch funktioniert die Stadt auch im Übermorgen als Marktplatz an sich kreuzenden Handelswegen. Nur werden diese künftig nicht mehr nur gepflastert sein, sondern als virtuelle Kanäle die Offline- und Onlinewelt verknüpfen, mitten in der Einkaufsstraße.

Wie sich die Innenstadt erneuern kann:

„Shopping vertikale“

Zu den ersten Lückenfüllern für städtische Handelsflächen gehören ausgerechnet jene, die diese nach dem gängigen Klischee verursacht haben: Die Rede ist von Onlinehändlern. Die entdecken die City, präsentieren ihre zum Anklicken gedachte Warenwelt nun auch zum Anfassen. Während alle Welt noch auf das erste Amazon-Kaufhaus wartet, eröffnen kleine Spezialisten aus dem Netz bereits erste Offlinepräsenzen in verschiedenen Städten neben alteingesessenen Schlachtern, Optikern und Lebensmittelläden.

Andere Internethändler pinnen ihre virtuellen Warenwelten an die Fassaden der Einkaufsstraßen. Der Handel entwickelt sich vom horizontalen zu einem vertikalen Gewerbe. Statt Raum interessiert Oberfläche, etwa in den U-Bahn-Supermärkten von Washington, wo die Fahrgäste statt auf kahle Betonwände neuerdings auf virtuelle Produktregale starren. Bis die nächste Bahn einfährt, lässt sich per Smartphone der Einkauf erledigen. Geliefert wird direkt an die Haustür.

Neues Stadtmobiliar: Die niederländische Firma Twiet.nu stellt Kästen in Schaufenstern zur Verfügung und vermietet diese an Kunden, die darin ihre Produkte ausstellen. Passanten bestellen per Smartphone im Vorbeigehen. In Toronto laden Mattel und Wal-Mart in virtuelle Spielzeugläden ein. Die Aufstellwände mit 3-D-Abbildungen von Spielzeugen lassen sich in jeder Fußgängerzone installieren, die darauf abgebildeten Produkte per Handy einfach anklicken. Das Telefon wird der neue Einkaufsbeutel.

Showtime

Während einige Händler die eigenen vier Wände gleich selbst mit in die City bringen, räumen die Eigentümer und Immobilienentwickler diese an ihren Gebäuden immer häufiger frei. Das Schaufenster wird die zweidimensionale 1-a-Lage der Zukunft. Fassaden mutieren zu überdimensionierten Präsentationsflächen, hinter denen sich nicht mehr zwangsläufig auch die entsprechenden Läden befinden müssen. Fußgängerzonen werden zum Freiluft-Showroom.

Zwischennutzung

Gegen den schnellen Wandel lässt sich auch auf Zeit spielen, etwa indem man aktuell nicht vermietbare Flächen eine Zeit lang günstig nutzen lässt. In Berlin gibt es seit Jahren Zwischennutzungs-Agenturen, die leer stehende Gebäude vermitteln. Einer Untersuchung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zufolge ist in der Hauptstadt fast jeder zweite Zwischennutzer unternehmerisch tätig. Aktuell gerät der Stadtteil Neukölln stark in den Fokus, während in Friedrichshain oder im Prenzlauer Berg fast alle Flächen wieder kommerziell vermietet sind. Einige Provisorien hielten sich dort mehr als zehn Jahre, länger als so mancher Gewerbemietvertrag.

Mehr Verkehr

Wenn nichts mehr geht, hilft vielleicht noch fahren. An öden Orten setzen manche Planer auf Autos. Bürgersteige weichen Parkflächen, Fußgängerzonen werden zu Tempo-30-Straßen. Die gute Erreichbarkeit mit dem Pkw kann vor allem Nebenstraßen beleben, sie werden zum Ziel für den besonders pragmatischen Kunden.

Platz schaffen

Viele Einzelhandelsimmobilien werden trotz allem nicht zu retten sein. In Ostdeutschland ist der Stadtrückbau längst in Gang. In vielen Kleinstädten ist der Händler- und Bevölkerungsschwund kaum aufzuhalten. Der Abriss bleibt das letzte, aber nicht immer schlechteste Mittel: Er schafft neuen Platz.

Dirk Böttcher

 

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