Arbeit und Soziales

Liebesbrief an einen Ossi

Mein geliebter Ossi,

30 Jahre ist es jetzt her, dass Du wie eine Naturgewalt in mein Leben getreten bist. Mein Gott, was hab ich mich über Dich gefreut. Zugegeben, anfangs war ich etwas skeptisch gegenüber diesem fremden Wesen aus einer anderen Welt. Aber dann war die ersten Monate nur Party mit Friede, Freude, Eierkuchen angesagt. Es war eine tolle, aufregende Zeit. Es gab soviel zu entdecken. So viele ungeahnte Gemeinsamkeiten und so viele überraschende Unterschiede. Wir waren beide so voller Neugier aufeinander und konnten nicht genug voneinander bekommen.

Den ersten Knatsch hatte ich mit Dir im März 1990. Die ersten freien Wahlen für Dich. Ich war so voller Vertrauen, dass Du ganz selbstbewusst und instinktiv die richtige Entscheidung für Dich – für uns treffen würdest. Ich war mir sicher, dass Du dich nicht von Oberflächlichkeiten und Bling Bling blenden lassen würdest. Und dann das: Birne? Echt jetzt? Der Typ war bei mir sowas von durch. Dem hätte ich nicht mal meine Yucca-Palme anvertraut. Und schon gar keine blühenden Landschaften.

Wie konntest Du uns das antun? Eine Holter-die-Polter-Zwangsehe nur wegen der Mitgift. Ich hätte mir so sehr gewünscht, Du hättest uns etwas mehr Zeit gegeben. Um raus zu finden, was das Beste für uns beide ist, um dann einen gemeinsamen Weg zu finden.

Du hattest zu dem Zeitpunkt schon so viel Scheiße hinter Dir. Ein halbes Leben unter Zwang, Kontrolle, Misstrauen und Mangel an fast allem, was scheinbar wichtig war. Das ist mir glücklicherweise erspart geblieben. Aber ich konnte frei und ohne Druck erkennen, dass auf meiner Seite auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Klar durfte ich reisen. Aber ich konnte es nicht, weil nicht genug Geld da war. Klar gab es bei uns Levis-Jeans und Wrangler. Aber stell Dir vor, ich hab meine ganzen Sommerferien jobben müssen, um mir eine leisten zu können. Wie konntest Du glauben, dass Kapitalismus easy ist? Ich möchte mit Dir weinen um diese vertane Chance.

Und man hat Dir ohne Atempause vieles genommen. Die gesicherte Existenz, Dein Gefühl von alter Heimat, das Vertrauen in uns und unsere Oberen und vor allem den Glauben an Dich selbst. Das tut mir so leid. Ich wollte das wirklich nicht.

Aber Du hast bewiesen, dass Du ein echter Kämpfer bist. Hier stehst Du nun, sozusagen auferstanden aus Ruinen. Bist Du dir eigentlich darüber im Klaren, was Du alles durchgemacht hast, ohne Dich unterkriegen zu lassen? Ich bewundere Dich dafür. Aber gleichzeitig macht es mich auch unglaublich traurig, dass Du das selbst nicht erkennst: Schau dich doch mal um!

 

Osten Westen

Ich für meinen Teil bin überrascht, wie wohl ich mich bei Dir fühle. Seit ich aus Berlin weg bin ist mir erst bewusst, wie sehr mir Deine Warmherzigkeit, Deine Offenheit mir gegenüber und diese alte Heimatgefühl gefehlt haben. Ja! Sie existieren tatsächlich hier. Auch wenn einiges im Argen liegt, ich bin echt stolz auf Dich. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Du zurück möchtest in die alte Zeit. Warum also bedienst Du jetzt dieses alte falsche Klischee vom Jammer-Ossi erneut? Geht es Dir heute wirklich so viel schlechter mit mir? Heute können wir uns meistens beide das Reisen leisten und tragen die Jeans, dir wir wollen. Aber das hat doch keinen wirklichen Wert mehr, oder?

Siehst Du nicht, dass Deine Probleme inzwischen auch längst meine Probleme geworden sind?

Angst vor der Zukunft, drohende Arbeitslosigkeit, strukturschwache Regionen, eine zu kleine Rente, der galoppierende gesellschaftliche Wandel (nicht immer nur zum Positiven), dieses Gefühl der Hilflosigkeit und betrogen worden zu sein, die Suche nach Veränderung… das alles betrifft mich, genau wie Dich. Komm doch einfach mal in den Ruhrpott und schau es Dir an.

Ich weiß es gibt immer noch viele Ungerechtigkeiten die nur dich speziell betreffen. Und ich würde sie so gerne ändern. Weil ich nicht verstehen kann, warum das so ist. Da hat uns wohl beide jemand aufs Kreuz gelegt.

Es macht keinen Sinn, darüber nur zu jammern und die Schuld den anderen in die Schuhe zu schieben. Du hast genauso Deinen Anteil daran wie ich. Ich gebe ja zu, ich hab dich in den letzten Jahren oft ignoriert oder gedacht: „lass mal machen, wird schon irgendwie“ Aber nun frage ich Dich: was möchtest Du aktuell eigentlich?

Willst Du Aufmerksamkeit – oder Respekt?

Meine Aufmerksamkeit hast Du ja jetzt, aber eben genau so viel Respekt, wie ein kleines Kind im Vorschulalter das wütend seine Bauklötze umstößt.

Ich bitte Dich inständig, nicht den gleichen Fehler ein zweites mal zu begehen. Bitte lass Dich nicht schon wieder von den neuen Rattenfängern aus dem Westen ködern, die Dir ein neues „altes Deutschland“ versprechen. Ich würde am liebsten eine Paartherapie mit Dir machen, denn eine Scheidung kann es nicht geben. Lass uns schauen, wie man einen gemeinsamen Weg findet auf dem Freundschaft und Respekt füreinander im Vordergrund steht. Und vielleicht schaffe ich es mit einem alten Kämpfer wie Dir an meiner Seite ein neues gutes Kapitel aufzuschlagen. Ohne Hass und Neid. Es geht doch nicht ohne einander…

Dein Dich liebender Wessi

Silvia aus der Prignitz

 

PSZ_Banner_Das was uns wirklich interessiert_mit Laptop

 

.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.