Arbeit und Soziales

Matthias Platzeck im Stadtzeitungs-Interview: „Die Menschen im Osten mußten gleich mehrere Umbrüche meistern“

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Am Rande seines Auftritts bei einer Gesprächsrunde in der „Alten Mälzerei“ gab der frühere Ministerpräsident Brandenburgs Matthias Platzeck der PRITZWALKER STADTZEITUNG ein kleines Interview. Lesen Sie hier das aus technischen Gründen leicht zusammengefasste Gespräch:

Hartmut Winkelmann: Herr Platzeck, zu Anfang eine ganz persönliche Frage: Wie geht`s Ihnen? Was macht die Gesundheit?

Matthias Platzeck (etwas überrascht lächelnd): Na eigentlich gibt`s zur Zeit keinen Grund zur Klage.

Hartmut Winkelmann: Sie waren in Ihrer Zeit als Ministerpräsident, ähnlich wie Manfred Stolpe, eine Autorität. Ihnen wurde generell Anerkennung gezollt. Was hat sich im Land verändert, dass bisheriges Vertrauen in Regierende so massiv verloren gegangen ist?

Matthias Platzeck: Ich finde auch Dietmar Woidtke hat eine solche Anerkennung verdient. Er macht eine wirklich gute Politik für Brandenburg. Es ist nur komplizierter geworden Probleme zu lösen. Lösungen sind nicht mehr einfach zu haben und auch den Bürgerinnen und Bürgern viel schwieriger zu vermitteln.

Die Menschen im Osten haben seit 1990 gleich mehrfach Umbrüche über sich ergehen lassen müssen. Sie mussten immer wieder ihren Platz in der veränderten Welt finden. Drei große Krisen hat es in den letzten 30 Jahren gegeben, direkt nach der Wende, dann die Finanzkrise 2008/2009 und als die so einigermaßen bewältigt war, die Flüchtlingskrise.Alles musste innerhalb einer Generation bewältigt werden.

Manchen, zum Glück vielen, ist das gelungen. Andere, leider nicht wenige, haben die Umbrüche vor allem als persönliche Einbrüche erlebt. Für manch einen war der letzte richtige Arbeitsplatz der beim Abriss ihrer ehemaligen Werkhallen, ihrer eigenen früheren Arbeitsplätze. Das prägt. Die Leute hier haben allein drei verschiedene Währungen erlebt und den jeweiligen Wechsel. Auch das hat Spuren hinterlassen. Und wenn diese Menschen dann am Ende ihres Arbeitslebens auf ihrem Rentenbescheid die Quittung für ein unterbrochenes Erwerbsleben lesen, macht das zornig. Da muß sich etwas ändern!

Die Globalisierung, auch die Digitalisierung sind wieder neue Herausforderungen. Das verunsichert alles zusammen.

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Hartmut Winkelmann: Man muß kein Prophet sein um vorauszusagen, dass die AfD wohl bei der anstehenden Landtagswahl stark zulegen wird. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Matthias Platzeck: Ich habe eben schon einige Gründe angeführt. In solch einer Lage hat eine Partei es natürlich leicht mit sehr vereinfachenden Darstellungen, mit Schuldzuweisungen bei den Unzufriedenen zu punkten. Wir müssen diese Menschen aber zurückgewinnen.

Hartmut Winkelmann: Glauben Sie daran, dass all die Zusagen der Parteien sich stärker um die Abgehängten, um die ländlichen Räume zu kümmern, über den Wahltag hinaus Bestand haben werden? Haben die bisher Regierenden wirklich verstanden, dass sich wirklich etwas gravierend an der bisherigen Politik ändern muß?

Matthias Platzeck: Ich weiß worauf Sie anspielen. Ich glaube, auch aus zahlreichen persönlichen Gesprächen, dass viele Verantwortliche sehr wohl verstanden haben, dass sich etwas ändern muß. Alle Parteien müssen sich selbstkritisch hinterfragen. Ich bin da aber optimistisch.

Bernd Atzenroth (MAZ): Wenn Ihnen hier aus dem Publikum vorgeworfen wird, dass sie mitverantwortlich wären für ein System, das genauso arbeiten würde wie eine DDR 2.0 – trifft Sie das eigentlich persönlich?

Matthias Platzeck: Ja, natürlich trifft mich sowas! Ich versuche mir nicht die Welt schönzureden. Trotzdem muß man die Kirche im Dorf lassen. es hat sich bei manchen ein Demokratieverständnis verbreitet, nach dem Demokratie dann gut ist, wenn ich Recht habe. Die, die behaupten es wäre heute so wie in der DDR, können in aller Ruhe laut rufen.

Hartmut Winkelmann: Sie haben sich in den letzten Jahren oft für einen entspannteres Verhältnis zu Russland eingesetzt. Glauben Sie, dass der Kurs der Sanktionen und der Ausgrenzung Russlands gut für uns ist? Der G7-Gipfel hat diesen abweisenden Weg ja gerade bestätigt.

Matthias Platzeck: Es gibt kein wirtschaftliches, sicherheitspolitisches oder diplomatisches internationales Problem, welches ohne Russland gelöst werden könnte. Eine Zusammenarbeit mit diesem Land ist wichtig für Deutschland, für ganz Europa. Ich freue mich, das gerade auch der französische Präsident Macron unmittelbar vor dem G7-Treffen ausführlich mit Wladimir Putin gesprochen hat. Die G7 ist hoffentlich bald wieder eine G8 unter Einschluss Russlands.

Hartmut Winkelmann: Herr Platzeck, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

 

 

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