Familie

Pritzwalk und die große weite Welt

Pritzwalk auf einem Stahlstich aus dem Jahr 1844. Die Kirche St.Nikolai hier noch ohne Turm.

In der Museumsfabrik im Gespräch mit Dr. Simon (2.v.re.) und Museumsleiter Schladitz (re.).

Die englischen Gäste vor der „Villa Nagel“.

Charles Nagel (1849-1940), ehem. Minister in der USA.

„Very interesting!“. Lars Schladitz schaut auf die mitgebrachten Familiendokumente.

Von einem der auszog die Welt zu entdecken …

Die Woche begann für mich als Stadtzeitungsredakteur ganz außergewöhnlich. Die Redaktionstür ging auf und herein kam ein sympathisches Paar mit der Frage: „Do you speak English?“. Schlagartig musste ich mich an die viel zu selten genutzten Schul- und Studienkenntnisse erinnern. Ein schüchternes „A little bit.“ kam mir über die Lippen. Aus diesem ersten Kontakt wurden zwei sehr interessante Tage.

Die ins Büro gekommene Frau stellten sich als Nachfahrin eines im Jahre 1847 in die USA ausgewanderten Pritzwalkers vor. Sie lebt heute mit ihrem Mann in Südengland und war in unsere Stadt gekommen auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie. Patricia Phillips-Nagel ist ihr Name – Nagel hieß auch der damals aus der Prignitz ausgewanderte Mann. Sein Weg führte ihn nach bisherigen Recherchen im Vorjahr der Revolution von 1848 wohl über Bremen in die Neue Welt. Nagel war ein Freigeist, studierter Mediziner und sicher unzufrieden mit der damaligen drückenden politischen Situation in Preußen. Er war einer von vier Brüdern, allesamt studierte Leute, was darauf schließen lässt, dass die Familie Nagel zur gehobenen Mittelschicht gehörte.

Nach der langen Reise per Schiff über den Atlantik siedelte sich Nagel in Texas, in der Nähe von Houston an. Er kam zu einigem Besitz, bewirtschaftete eine Farm, deren Wert auf über 4.000 Dollar geschätzt wurde – was in der damaligen Zeit eine Menge Geld war! Nebenher praktizierte er als Arzt. Nagel war den stickigen Verhältnissen in Preußen entkommen und geriet prompt in einen anderen Krisenherd. Zu jener Zeit war das junge Texas gerade Teil der USA geworden. Die ursprüngliche Hegemonialmacht Mexiko konnte sich damit allerdings nicht abfinden und es kam zu einem weiteren Krieg. Der deutsche Auswanderer Nagel verlor fast alles. Mit nur 14 Dollar in der Tasche zog er in die Ortschaft Bernardo in Colorado, später nach St. Louis. Auch hier gelang ihm ein gesellschaftlicher Aufstieg.

1849 wurde sein Sohn Charles Nagel geboren. Dieser war als Rechtsanwalt und regionaler Politiker aktiv. Im Jahre 1909 berief ihn US-Präsident William Taft (1909-1913) zum Handels- und Arbeitsminister der USA nach Washington. Später war er als Richter tätig. Er starb 1940 und ist in St. Louis beerdigt.

Die Nachfahren aus England stammten aus einer anderen Linie der weitverzweigten Familie Nagel. Sie hatten eine Menge an Materialien zur Familiengeschichte zusammengetragen. Daraus ergibt sich ein sehr interessanter Einblick in die Geschichte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage viele Menschen aus unserer Region nach Amerika ausgewandert. Sie hatten die Hoffnung auf ein besseres, freieres Leben. Hier lag jetzt ein ganz konkretes Schicksal vor uns.

Ich benachrichtigte sofort den Vorsitzenden der Gesellschaft für Heimatgeschichte Herrn Dr. Wolfgang Simon und den Leiter der Museumsfabrik Herrn Lars Schladitz. Beide erkannten natürlich  umgehend den Wert dieser Informationen und waren am nächsten Vormittag zu einem spontanen Treffen mit unseren Gästen im Museum bereit. Das Treffen brachte einige wichtige Dinge in Gang. Herr Schladitz wird über das Stadtarchiv und seine Mitarbeiterinnen alle verfügbaren Informationen zum früheren Wohnsitz der Familie Nagel und der durch Heirat mit ihr verbundenen Familie Sasse sammeln. Hier konzentriert sich das Interesse auf die damalige Marktstraße Nummer 3. Die Geschichte des Auswanderers könnte ein wichtiger Teil der geplanten Ausstellungen zur Stadtgeschichte im neuen Museum werden. Die englischen Gäste sind vielleicht bereit ein im Familienbesitz befindliches Pastellbild ihres Vorfahren als Dauergabe für die Ausstellung in Pritzwalk zur Verfügung zu stellen.

Über die Museumsfabrik und die gerade laufenden, ganz konkreten Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung alter Maschinen waren die Besucher begeistert. Schon vor mehreren Jahren waren sie einmal kurz in Pritzwalk gewesen, allerdings ohne damals den konkreten Familienbezug zu kennen. Die alte Tuchfabrik hatten sie da noch in einem ganz anderen Zustand erlebt.

Gemeinsam mit unseren Gästen und in der englischen Sprache endlich wieder etwas geübter unternahm ich anschließend einen kleinen Stadtrundgang, u.a. zum früher als „Villa Nagel“ bekannten Haus am Postplatz. In ihm werden heute Jugendliche betreut. Eine Witwe Nagel verkaufte das Gebäude um die vorletzte Jahrhundertwende an die Familie Quandt. Ebenso ein Stück Land an der Dömnitz, auf dem heute ein Teil der alten Tuchfabrik steht.

Leider herrschte „typisch englisches Wetter“ und so kehrten wir ins „Villa Martino“ zu einem vorzüglichen, wärmenden Kaffee ein. Das war ein wirklich inspirierender Besuch und ein unverhoffter Blick in die Stadtgeschichte. Daraus kann sich sehr viel mehr entwickeln. Man verabredete in Verbindung zu bleiben und gemeinsam an diesem historischen Kapitel weiter zu arbeiten.

„Thank`s for your visit!“

Hartmut Winkelmann / Fotos (3)

 

 

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