AfD

Kommentar zum Tag der deutschen Einheit: Schafft doch endlich diesen Feiertag ab!

Dieser Kommentar ist der ZEIT ONLINE entnommen. Besser und treffender kann man den wieder einmal zelebrierten Tag der Deutschen Einheit nicht beschreiben:

Tag der deutschen Einheit: Schafft doch endlich diesen Feiertag ab

In jedem Jahr kommt dieser Tag, an dem wir alle Widersprüche der Deutschen Einheit ausblenden. Es erinnert fast an die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR.

Ein Kommentar von Jana Hensel

Ich bin keine Freundin von BRD/DDR-Vergleichen. Sie sind nämlich oft genauso falsch wie Nazivergleiche. Das offene, demokratische System der Bundesrepublik lässt sich mit der geschlossenen Einparteienherrschaft der SED nicht wirklich vergleichen. In Wahrheit zeigen alle Phänomene des politischen, gesellschaftlichen und privaten Lebens, je näher wir an sie heranrücken, umso größere Unterschiede. Auch deshalb lässt sich die DDR posthum so schwer erzählen, ist das Leben dort im Nachhinein für alle jene, die nicht dabei gewesen sind, so schwer zu verstehen.

Als ich jedoch gerade das Programmheft zu den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit in die Hand nahm und auf der Titelseite las, es würde sich dabei um „Das größte Fest des Jahres“ handeln, musste ich doch an die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR denken. Ich war im Herbst 1989 zwar noch ein halbes Kind, aber inzwischen steht es in allen Geschichtsbüchern: Trotz kaum mehr zu ignorierender Proteste im Land ließ sich die Staatsführung um Erich Honecker damals nicht davon abbringen, wie immer und in guter alter Routine Jubelfeiern abzuhalten. Den Frust der Menschen hat das natürlich noch verstärkt. Nur zwei Tage später, am 9. Oktober 1989, gingen in Leipzig Zehntausende auf die Straße, fünf Wochen später fiel die Mauer und kurz darauf verschwand die sich eben noch selbst zujubelnde DDR auf Nimmerwiedersehen.

Angela Merkel – »Die deutsche Einheit fordert uns auch 28 Jahre später immer wieder heraus« Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Deutsche Einheit als langen Weg beschrieben. Dieser Prozess fordere die Menschen in ganz Deutschland auch 28 Jahre nach dem Mauerfall „immer wieder auf, einander zuzuhören, aufeinander zuzugehen“. © Foto: Michael Kappeler/dpa

Niemandem ist nach Feiern zumute

Nun ist damals zum Glück nicht heute und die Vergangenheit lässt sich mit der Gegenwart auch deshalb nicht vergleichen, weil ich in der DDR nicht hätte offen schreiben können, was ich denke. Jetzt aber schon. Und ich denke: Schafft sie doch endlich ab, diese Feste zum 3. Oktober! Sie passen so, wie sie sich sicher die meisten gewünscht haben, also als Tage des Jubels, einfach nicht mehr in unsere Zeit. Und gerade in diesem Jahr ist doch wahrlich niemandem zum Feiern zumute. Der Osten steht vor solch großen politischen Problemen wie nach der Wiedervereinigung eigentlich noch nie. Nicht länger zu ignorierende Teile der Gesellschaft wählen dort die AfD – ob aus Überzeugung oder Protest, ist erst einmal egal, denn das Signal, das sie senden, ist leider eindeutig: Sie stimmen und stemmen sich gegen unser Land, wie es ist, sein will, sein soll. Demokratisch, offen, im besten Falle wirklich plural. Sie wollen es so, wie es sich ihnen in den vergangenen fast 30 Jahren präsentiert hat, offenbar nicht mehr haben.  Und in Sachsen sitzt die AfD vielleicht schon bald in der Regierung. So etwas wirft doch Fragen auf, müsste doch ziemlich große Fragen aufwerfen!

Jana Hensel

Und wer in so einer Situation keine andere Idee hat, als zu feiern und noch einmal die Champagnerflaschen zu öffnen, muss sich als Ignorant bezeichnen und den Vorwurf gefallen lassen: Macht eure Ignoranz nicht alles noch schlimmer?

Zumal diese Ignoranz viele Ostdeutsche schon lange beklagen. Als die Torgauer Zeitung 2009 ihre Leser zum 20. Jahrestages des Mauerfalls fragte, ob sie an dieses Datum noch erinnert werden möchten, antworteten schon damals 75 Prozent der Leser mit Nein. Das ist sicher keine große Umfrage gewesen, aber dennoch: Eine ernsthaft schockierende Zahl. Kann man sich von seiner eigenen Geschichte emotional weiter entfernen? Aber es wird auch an der Art und Weise gelegen haben, wie sich das vereinte Land an diese historischen Daten erinnert. Nämlich mit Jubelreden, Heldengeschichten und den immer gleichen Erfolgsmeldungen. Also mit einer ziemlich dicken Haut, mit einer hartnäckigen Ignoranz, die die Realität lange nicht zur Kenntnis nehmen wollte – eigentlich so lange, bis sie nun über uns hereingebrochen ist.

Es ging nie darum, die DDR wiederzuhaben

Man kann es immer wieder sagen, es wird dennoch gern verdrängt: Die Wiedervereinigung bleibt auch nach so langer Zeit für viele Ostdeutsche ein ambivalentes Datum. Man erinnert sich daran mit Freude, aber auch mit Schmerz. Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit wird kaum einer missen wollen, überhaupt wird kaum jemand die DDR zurückhaben wollen. Darum geht es nicht, darum ging es nie. Aber in den Jahren nach der Wiedervereinigung kollabierte Ostdeutschland so rasch, so schnell und so verheerend wie kein anderes Land des ehemaligen Ostblocks. Und mit den Auswirkungen dieses Zusammenbruchs haben viele bis heute zu tun, haben wir es als Gesellschaft letztlich bis heute zu tun. Und beginnen nach dem Pegida- und AfD-Schock zaghaft, das auch endlich angemessen zu besprechen.

Stattdessen wird nun schon zum 28. Mal in Berlin gefeiert. Für „das größte Fest des Jahres“ wurden überall im Land Plakate mit dem Slogan „Nur mit euch“ aufgehängt. Gemeint sind damit auch die Ostdeutschen. Denn dieses Motto richtet sich gegen all jene, schreiben die Veranstalter sinngemäß, die der globalisierten Welt nationalistisch „ein Wir zuerst!“ entgegenhalten wollen. Denn gerade „die Rückschau auf 28 Jahre deutsche Einheit zeigt: Es geht nur gesamtgesellschaftlich, nur international, NUR MIT EUCH.“ Das ist schön gesagt und gut gemeint. Aber wird man diesem Motto auch gerecht?

Da sind sie wieder, die Jubelbilder

Ein Blick auf die Veranstaltungen und Events, zu denen die Stadt Berlin vom 1. bis 3. Oktober eingeladen hat, zeigt eher das Gegenteil. So soll sich zum Beispiel auf 2,5 Kilometern ein sogenanntes Band der Einheit durch die Berliner Mitte schlängeln, auf denen die Namen aller deutschen Gemeinden alphabetisch geordnet zu lesen sind: „Von Aachen bis Zwönitz, von Chemnitz bis München, von Sylt bis Görlitz“, heißt es dazu. Und weiter: „Ost und West lassen sich hier ebenso wenig unterscheiden wie die Herkunftsorte der Bewohnerinnen und Bewohner.“ Die gesellschaftliche Wahrheit hingegen wäre: All diese Gemeinden unterscheiden sich, und zwar ziemlich gewaltig. Ebenso wie die Biografien ihrer Bewohner.

Zudem soll eine übergroße Collage des französischen Street-Art-Künstlers JR vor dem Brandenburger Tor noch einmal die feiernden Menschen auf der Mauer zeigen. Da hätten wir sie wieder: jene Bilder, die doch nur die eine Seite der Geschichte zeigen und die im Osten deshalb kaum mehr jemand sehen möchte. Vielleicht geht es den Westdeutschen ja inzwischen ähnlich.

Kein. Einziger. Ostdeutscher.

Den Höhepunkt aber bildet schließlich ein Konzert am Abend des heutigen 3. Oktober vor dem Brandenburger Tor. Nena, Samy Deluxe, Patrice, Namika und andere treten dort auf, insgesamt sieben Solisten und drei Bands. Es tut mir leid, aber ich habe mir natürlich die Mühe gemacht und die Solisten gegoogelt. Sie dürfen raten, was dabei herausgekommen ist? Ja, genau, es ist keine einzige Ostdeutsche, kein einziger Ostdeutscher unter ihnen. Nur mit euch, wirklich? Haben wir in den vergangenen Monaten nicht ausführlich über die fehlende Repräsentanz von Ostdeutschen in der sogenannten gesamtdeutschen Elite diskutiert? Haben die Veranstalter überhaupt irgendeine Ahnung von diesen Debatten? Dass es anders geht, hat doch gerade das Wirsindmehr-Konzert in Chemnitz gezeigt. Dort standen neben den Toten Hosen ostdeutsche Bands und Künstler wie Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, Marteria oder Trettmann auf der Bühne; sie alle erzählen in ihren Liedern von jenen Erfahrungen der Nachwendezeit, über die wir im Moment reden müssen.

Zum Glück gibt es das Gorki-Theater. Das scheint mal wieder mitten ins Debattenherz zu zielen, wenn es unter dem Titel „Grundgesetz – ein chorischer Stresstest“ zu einer Performance von 50 Berlinerinnen in der Regie der polnischen Regisseurin Marta Górnicka einlädt.

Ansonsten aber lassen sich in der Inszenierung der Feiern zum 3. Oktober die meisten Missverständnisse im deutschen-deutschen Selbstgespräch erneut finden: Man feiert die Wiedervereinigung und weist den Ostdeutschen mit ihren historischen Erfahrungen ein weiteres Mal die Rolle von Statisten zu. Sie dürfen am Katzentisch Platz nehmen, sollen den Mund halten und sich vor allem nicht immer wieder beschweren. Dankbar sein. Man feiert doch schließlich auch sie. Auf eine Art jedoch, dass viele Ostdeutsche sich darin nicht wiedererkennen, weil sich kaum jemand die Mühe macht, sie sich wiedererkennen zu lassen. Ein Grund zum Feiern ist das, wie gesagt, wirklich nicht.

 

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