Arbeit und Soziales

Altersarmut bei jedem fünften Neurentner?

Studie zur Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten

Jahrzehntelang hat Uwe Lagoda in die Rentenkasse eingezahlt – nun bleiben ihm nur 320 Euro im Monat zum Leben. Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung schlägt Alarm: 2036 werde jeder fünfte Neurentner von Altersarmut betroffen sein.

Von Jens Eberl, WDR

Uwe Lagoda achtet genau auf die Preise, wenn er einkaufen geht. Er nimmt den günstigen Butterkäse vom Discounter anstelle des Lachsschinkens. Teurer Kaffee landet nur selten im Einkaufswagen; Tee muss reichen. Zum Leben bleiben dem Rentner nur 320 Euro im Monat. Damit ist er weit unter dem Betrag, den die Experten als Grenze zur Armutsgefährdung definieren.

Dabei hat er eigentlich etwas geleistet in seinem Leben: 22 Jahre lang hat Lagoda in die Rentenkasse eingezahlt. Er war Chemielaborant, hat später eine Umschulung zum Krankenpfleger gemacht. Viel verdiente er nicht, aber es war okay.

Bis er plötzlich eine Nachricht bekam, die sein Leben veränderte. Mit 58 Jahren wurde Uwe Lagoda schwer krank – so schwer, dass er seinen Job aufgeben musste. Diagnose: Frührentner. Nun bekommt er 525 Euro Rente plus aufstockende Sozialleistungen für die Wohnung, davon muss er aber Nebenkosten für Strom oder das Sozialticket abziehen.

Veränderte Arbeitswelt wird zum Problem

Viele Rentner in Deutschland sind in einer ähnlichen Situation wie Lagoda – und es werden immer mehr. „Bis 2036 wird das Risiko für Altersarmut weiter steigen“, heißt es in der Studie, die die Bertelsmann-Stiftung heute zur Entwicklung der Altersarmut veröffentlicht. Schuld daran sei eine komplette Umstellung der Arbeitswelt: Minijobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne seien inzwischen gang und gäbe. Hinzu komme eine demografische Entwicklung, die für niedrige Renten sorge.

Als armutsgefährdet gelten Rentner laut Studie dann, wenn ihr monatliches Netto-Einkommen unter 958 Euro liegt. Davon werden in Zukunft vor allem alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose betroffen sein. „Die aktuellen Reformdebatten gehen oft an der Wirklichkeit vorbei und lösen kaum die grundlegenden Ursachen der Altersarmut“, kritisiert Christof Schiller, Arbeitsmarkt-Experte der Bertelsmann Stiftung. „Diskussionen um eine Stabilisierung des Rentenniveaus helfen Risikogruppen nicht weiter, die schon während ihrer Berufsjahre nur schlecht von ihrem Gehalt leben können.“

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Kaum noch möglich, am sozialen Leben teilzunehmen

Was Armut im Alter bedeutet, schildert Uwe Lagoda anschaulich. Am Anfang sei es noch okay gewesen, sagt er. „Der Kleiderschrank war gut gefüllt, man konnte rausgehen, ohne sich zu schämen.“ Inzwischen aber seien die Klamotten verschlissen und es sei kaum noch möglich, am sozialen Leben teilzunehmen. „Sich mit Freunden in der Kneipe zu treffen, ist nur frustrierend, wenn du nach einem kleinen Bier sagen musst, mehr ist leider nicht drin“, erzählt Lagoda.

Also hatte er sich zunächst immer mehr zurückgezogen, die Wohnung kaum noch verlassen. Das sei auch ein Grund, warum die Armut in der Gesellschaft weitgehend unsichtbar sei.

Die Studie liefert Erkenntnisse darüber, was passiert, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, die so genannten Babyboomer, in Rente gehen werden. Das wird ab 2022 der Fall sein. Die Altersarmut wird kontinuierlich steigen. Bis 2036 werden demnach 20 Prozent der Rentner davon betroffen sein. Bislang waren es 16 Prozent (Stand: 2015). Damit wäre zukünftig jeder fünfte Neurentner von Altersarmut bedroht.

„Ein böses Erwachen“

„Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen“, sagt Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. „Um das Alterssicherungssystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen.“

Uwe Lagoda fühlt sich von der Politik nicht mehr abgeholt. „Die da oben sind weit weg von jeglicher Lebensrealität“, glaubt er. „Soziale Probleme werden doch gar nicht mehr angepackt.“ Lagoda engagiert sich inzwischen ehrenamtlich in sozialen Projekten, arbeitet zwei- bis dreimal in der Woche bei der Obdachlosenhilfe. „Nicht nur, um anderen zu helfen“, sagt er. Es sei auch gut für ihn selbst. So komme er unter Menschen: „Das sorgt dafür, dass ich nicht auf kurz oder lang in meiner eigenen Welt abtauche.“

Quelle: tagesschau.de

 

 

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