Arbeit und Soziales

Hähnchenmast – Mehr neue Zweifel als Aufklärung

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So ein Erörterungstermin beschäftigt viele Leute.

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Die Antragsteller und ihre Vertreter. Links die beiden holländischen Investoren.

Öffentlicher Erörterungstermin zur Hähnchenmast in Könkendorf

Im Sudhaus der „Alten Mälzerei“ fand am Dienstag über viele Stunden der vom Gesetz vorgeschriebene öffentliche Erörterungstermin zu den geplanten Hähnchenmastanlagen direkt bei Könkendorf statt. Zwei neu gegründete Firmen mit holländischen Eigentümern wollen die Genehmigung erhalten dort insgesamt sechs Hähnchenmastställe zu je 54.000 Masthähnchen samt diverser Nebenanlagen zu errichten. Damit entsteht also praktisch eine Hähnchenfabrik für 324.000 Tiere. Und genau darum ging es u.a. beim Erörterungstermin: Ist das nun Landwirtschaft oder eine industrielle Mast. Im zweiten Fall wäre eine Genehmigung der Anlage an diesem Ort ausgeschlossen.

Wer solch einen Erörterungstermin noch nicht erlebt hat, der ist überrascht, welche Menge an Unterstützern und Fachleuten sowohl die antragstellenden Firmen, als auch diejenigen, die Einwendungen gegen das Vorhaben vorbringen, aufbieten. Rechtsanwälte, Spezialisten, Tierärzte – alles war versammelt. Zahlreich vertreten waren auch die wirklich Betroffenen, die Anwohner von Könkendorf, Blesendorf, Sadenbeck und anderswo. Die Stadt Pritzwalk, das Amt Meyenburg und Heiligengrabe als direkt betroffene Nachbarn waren ebenso dabei, wie Fachbehörden aus Kreis und Land.

Eine besondere Rolle spielte an diesem Tag der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) mit seinem Rechtsanwalt Herrn Deppner. Er vertrat auch die verschiedenen Antragsgegner kompetent und mit Nachdruck. Anwohner, Kommunen  und Organisationen hatten sich mit 73 eigenen Einwendungen beteiligt. Jeder einzelne Einwand wurde nach Fachgebieten geordnet unter Leitung der Bewilligungsstelle Landesumweltamt beraten.

Die BI gegen die Hähnchenmastanlage in Könkendorf war engagiert vor Ort. 2.v.l. der Nabu-Rechtsanwalt Deppner.

Die BI gegen die Hähnchenmastanlage in Könkendorf war engagiert vor Ort. 2.v.l. der Nabu-Rechtsanwalt Deppner.

Je mehr Einzelfragen behandelt wurden, je mehr offene Fragen zum Vorhaben tauchten beim neutralen Zuschauer auf. War in den Unterlagen wirklich alles gesetzlich Vorgeschriebene enthalten? Sagten die Investoren die Wahrheit? Man konnte Zweifel haben. Einige Beispiele:

Die zukünftigen Betreiber müssen die Eigenproduktion von mindestens 51% der notwendigen Futtermittel nachweisen. Die beiden Firmen gaben zu diesem Zweck über 300 ha gepachteten Ackerlandes an. Dumm nur, das schon während der Erörterung heraus kam, dass etliche Flächen davon ohne Wissen ihrer eigentlichen Eigentümer von den Pächtern juristisch zweifelhaft an die Hähnchenmäster weiterverpachtet wurden. Diese Flächen werden nun mit Sicherheit nochmals im Einzelnen hinterfragt.

Viele Nachfragen gab es zur verkehrstechnischen Erschließung des Geländes. Im Verfahren gaben die Betreiber an mit jährlich ca. 800 Schwerlastern durch die Ortschaft Könkendorf zwecks Be- und Entlieferung fahren zu wollen. Die Straßen vor Ort geben das aber keinesfalls her. Das bestätigten etliche Anwohner. Christian Duchrau, Fachmann der Stadtverwaltung zur Thematik, begründete damit auch, das Pritzwalk bislang kein kommunales Einvernehmen erteilt hat.

Nach einer Verhandlungspause kam dann die Überraschung: Rechtsanwalt Deppner fragte die Antragsteller ob es stimme, dass man mit der Stadt Pritzwalk längst über einen alternativen Anfahrtsweg verhandle. Die Vertreter der Investoren kamen gehörig ins Stottern, gaben dies aber letztlich zu. Somit war für den Anwalt des Nabu klar, das auch in dieser Angelegenheit die für die öffentliche Erörterung ausgelegten Unterlagen nicht vollständig seien und somit ein neuer Erörterungstermin einzuberufen wäre. Das käme den Hähnchenmästern äußerst ungelegen, da eine mögliche Bewilligung der Anlagen damit um einiges in die Zukunft verschoben und evtl. nur unter verschärften Auflagen erfolgen könnte. Von der Stadt Pritzwalk forderte der Nabu-Vertreter mit klarer Fristsetzung die Herausgabe aller Informationen zu den in dieser Sache mit den Investoren geführten Gespräche. Die Laune der Antragsteller aus Holland verdüsterte sich merklich.

Das für die endgültige Bewilligung zuständige Landesumweltamt trägt die verschiedenen Aspekte der wörtlich protokollierten Erörterung jetzt zusammen. Nach Einarbeitung diverser Nachforderungen entscheidet es über eine Bewilligung. Alles andere als eine Verschiebung und neue Erörterung wäre verwunderlich, wenn das Verfahren nicht nur eine Alibi-Veranstaltung bleiben soll.

Noch bis 21 Uhr am Abend stießen Pro und Contra aufeinander. Zahlreiche Anwohner meldeten sich zu Wort und teilten allesamt die Bedenken bezüglich der Unverträglichkeit einer solchen Anlage mit dem Grundwasserschutz, der Verkehrssituation und den Bedingungen der Massentierhaltung. In den kommenden Tagen werden wir näher darüber berichten. Fest steht, dass das Vorhaben in der Region auf wenig Gegenliebe stößt. Egal wie das Genehmigungsverfahren ausgeht, die Hähnchenmäster – im eigenen Land mit solchen Projekten längst nicht mehr geduldet – werden es auch auf Dauer nicht einfach haben. Vielleicht sollten sie auch deshalb über eine Aufgabe ihrer Pläne nachdenken.

Wer glaubt hier gehe es „nur“ um eine Könkendorfer Angelegenheit, der sollte sich verdeutlichen, dass 800 große LKW jährlich über Könkendorf, Sadenbeck nach Pritzwalk rollen werden und sich dort verteilen.

Hartmut Winkelmann

 

 

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