Geschichte

Ein Tor wurde wieder zugemauert

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls die Bürger der Stadtführung zeigten wo es lang geht

Man schrieb das Jahr 1335. Pritzwalk hatte seit knapp achtzig Jahren besaß unser Ort nun endlich das Stadtrecht. Dieses wurde 1256 durch die askanischen Landesherren Brandenburgs bestätigt und folgte dem Vorbild der altmärkischen Stadt Seehausen. Zur gleichen Zeit begann man mit dem Bau der Stadtkirche St. Nikolai.

Das kleine Städtchen entwickelte sich und die Pritzwalker waren stolz auf ihren jungen Ort. Zugleich mit dem Stadtrecht wurde ihnen auch das Marktrecht verliehen. Von jetzt an durften regelmäßige Märkte in Pritzwalk abgehalten werden. Einheimische und durchziehende Händler waren verpflichtet ihre Waren in der Stadt zum Verkauf anzubieten. Das ergab Sinn, lag doch Pritzwalk direkt auf den Handelswegen nach Hamburg, Lübeck und weiteren Ostseestädten. Seit 1288 sind erste Handelsbeziehungen dieser Art belegt.

Das Selbstbewusstsein der Bürger manifestierte sich auch in ihren doch erheblichen Mitbestimmungsrechte in innerstädtischen Angelegenheiten. Das galt „natürlich“ nur für die Besitzenden. Der kleine Dienstmann, oder Knecht hatte nichts zu melden. Die Frauen sowieso nicht.

Pritzwalk hatte seine Stadtmauer – immerhin lebte man in unruhigen Zeiten. Durch die Mauer führten drei Tore. Das Perleberger Tor war die größte Anlage, etwa dort, wo jetzt die Rodane-Brücke vor dem Kreisverkehr liegt. Wahrscheinlich war es schon mit einem Zwinger genannten Einlassbereich, welcher die Heinkommenden zwang sich in einer schmalen Gasse hintereinander zu reihen, ausgestattet. So konnte man die Fremden besser von Turm und Mauer aus im Blick behalten und die fälligen Abgaben einziehen. Dann gab es noch, etwas bescheidener gebaut, das Buchholzer und das Kemnitzer Tor. Sie standen an der heutigen Kreuzung Havelberger Str./Parkstraße bzw. am heutigen Magazinplatz, ein Stück Richtung Bergstraße hin versetzt. Ein Meyenburger Tor gab es nicht. Deshalb ist die jetzige Straßenbezeichnung etwas irreführend.

Vor 1335 ordnete der Magistrat der Stadt das Aufbrechen der Mauer an der Stelle an, wo heute ein Rest der alten Stadtmauer gegenüber der ehemaligen Tuchfabrik erhalten geblieben ist. Der Magistrat bestand zu jener Zeit aus von den wohlhabenden Bürgern gewählten Mitgliedern. Das gemeine Volk glaubte er nicht vorher fragen zu müssen. Ein Fehler mit Nachwirkungen!

Warum genau dieses neue Tor geschaffen wurde, ist nicht genau überliefert. Da die Ratsherren allerdings selbst allesamt Händler waren, kann man davon ausgehen, dass es sich um wirtschaftliche Gründe handelte. Schnell errichtete man als Sicherung der nun Meyenburger Tor genannten Anlage einen hohen und stabilen Turm.

Der Magistrat hatte die Rechnung allerdings ohne die Bürger gemacht. Er handelte eigenmächtig und es regte sich wachsender Widerstand in der Stadt. Auch die Gründe für dieses Aufbegehren sind nicht genau überliefert. Zu vermuten ist, dass die Bewohner sich in ihren Sicherheitsinteressen bedroht fühlten. Schließlich trieb sich vor der Stadt allerlei zwielichtiges Volk herum und man war deshalb froh des Nachts hinter sicheren Mauer zu schlafen. Vielleicht waren auch wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Vor der nördlichen Mauer betrieb man Ackerbau, fischte und hielt dort das Vieh.

Es kam zu regelrechten Protestaktionen. Aber der Magistrat wollte nicht einlenken und so wandte sich die Bürgerschaft an den Landesherrn. Die Bürger hatten das Stadtrecht erhalten, nicht irgendein Fürst. Und so nutzten sie ihr Recht.

Es kam zu Anhörungen und als die Mächtigen Pritzwalks absolut nicht nachgeben wollten, handelte der Landesherr: Er setzte kurzerhand den Magistrat ab!

Somit war die Frage entschieden. Das neue Meyenburger Tor wurde kurzerhand wieder geschlossen und zugemauert. Übrig blieb nur der große, massive Turm. Er stand noch einige Jahrhunderte und wurde zumeist als Lagerraum genutzt. Vermutlich diente er zeitweise auch als Stadtgefängnis. Das war praktisch, lag der Turm doch genau neben dem Haus des Scharfrichters, der in dem kleinen Ecke zwischen Dömnitzarm an der alten Stadtmühle und dem heute noch erhaltenen Mauerteil lag. Später brannte das Bauwerk aus und wurde abgetragen.

Das ist ein schöner Teil der Pritzwalker Geschichte, der zeigt, wie sich schon früh unsere Vorfahren gegen die Willkür der Stadtverwaltung durchsetzten.

Hartmut Winkelmann

(aus PRITZWALKER STADTZEITUNG 30, März 2015)

 

 

 

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