Geschichte

„Ein bekannter, widersetzlicher Mensch“

 

Pritzwalk-1652-Merian

Pritzwalk in einem Kupferstich von Merian von 1652.

von Hartmut Winkelmann …

Vom Aufruhr nach dem großen Pritzwalker Stadtbrand

Pritzwalks Geschichte umfasst etliche arge Schicksalstage. Einer davon war mit Sicherheit der 1. November 1821. An diesem Tag brannte fast die gesamte Stadt ab. 793 Gebäude gingen im Feuer verloren, nur 47 Häuser wurden verschont. Damit standen die meisten Einwohner vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Trotz aller Verzagtheit gingen die Menschen aber schon bald zum Wiederaufbau ihrer Häuser über. Sie mussten einen Winter in Notunterkünften verbringen, jetzt wollten sie ihre Häuser, Werkstätten und Stallungen wieder neu errichten. Allein es fehlten ihnen die finanziellen Mittel. Auch wollte man aus den Fehlern der Brandkatastrophe lernen und anders bauen. Die Getreidescheunen, bisher direkt hinter den Wohnhäusern gelegen, waren 1821 rasend schnell in Flammen aufgegangen und sollten nun aus der Innenstadt verbannt werden. Die Straßen wollte man breiter anlegen (20 Meter für die Markt- und Grünstraße, 18 Meter für die anderen). Jedes Grundstück sollte eine Torzufahrt zur Straße hin erhalten. Das Straßennetz war mit starken Veränderungen geplant.

Im Schwung der Umgestaltungsideen schoss man etwas über das Ziel hinaus. Die Stadtoberen versuchten die Chance zu nutzen und gleich sehr viel bessere Gebäude für die Volksschule, Lehrerwohnungen und auch noch die Neuerrichtung eines Gymnasiums durchzusetzen. 344.000 Taler brauchte man insgesamt – und alle erwarteten eine üppige Geldsumme vom preußischen Staat. Der war aber gar nicht begeistert und gab am Ende nur etwa 67.000 Taler. Über diese Diskrepanz verhandelte man lange in Berlin und Potsdam. Zu lange, denn es war schon Juni 1822 und wenn man jetzt nicht endlich anfing mit dem Bau, würde man im kommenden Winter wieder in der Kälte sitzen. So begannen viele Pritzwalker einfach auf ihren bisherigen Grundstücken neue Wohnhäuser zu errichten.

pritzwalk-staedtefuehrer_stadtplan-1727

Stadtplan von Pritzwalk aus dem Jahr 1727.

Mitte des Monats tauchte ein wohl gefälschter Aushang auf, wonach das Bauen jetzt erlaubt sei. Nachdem sich etliche Bewohner auch von den Gendarmen nicht von der Arbeit abhalten ließen, schickte die Obrigkeit das Militär. Am 17. Juni 1822 wurden auf der Baustelle des Leinewebermeisters Jaap, einem „bekannten, widersetzlichen Menschen“, wie ihn der Magistrat der Stadt beim Landrat denunzierte, neun mitarbeitende Gesellen arretiert. Es kam zum Tumult. Gegen Abend zogen 200 Gesellen, das waren sämtliche in der Stadt anwesenden Zimmer- und Maurergesellen sowie Arbeitsleute, zur Wache und forderten die Freilassung der Arrestanten. Das Militär lud gegen diese Übermacht die Gewehre und die Situation drohte zu eskalieren. Beeindruckt von der wütenden Menge, versprach man den Gesellen dann doch die sofortige Freilassung der betreffenden Personen, wenn sich die Protestierer friedlich entfernen würden. So geschah es.

Schon am nächsten Tag setzen die Pritzwalker ihre Bauarbeiten fort. Vier Tage später gab der Magistrat vorläufige Baugenehmigung. Die Bürger versammelten sich in den Ruinen der Kirche und besprachen mit ihm die Regeln. Jeder baute auf seinem alten Grundstück weiter. Die Änderung des Straßennetzes gab man auf. Weniger Bemittelte erhielten Bauland außerhalb der Altstadt zugewiesen. Für Pritzwalk begann ein langer, aber erfolgreicher Weg des Wiedererblühens. 

Hartmut Winkelmann

Quelle: u.a. Dr. Rolf Rehberg, in Pritzwalker Heimatblättern 11, 2005

 

.

 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.