Außenpolitik

Asyl in Pritzwalk

Asyl1

von Hartmut Winkelmann …

Wir müssen darüber reden

Lange haben wir überlegt, ob wir das Thema auch „unter dem Deckel“ halten, wie allseits üblich. Nein, wir werden das nicht tun. Die Gerüchteküche brodelt längst. Horrorszenarien steigern sich von Erzähler zu Erzähler. Es bringt gar nichts, dieses heikle Problem so lange zu ignorieren, bis auch bei uns die dumpfen Ausländerfeinde auf den Plan treten.

Was liegt wirklich an? Deutschland mischt fleißig mit in internationalen Konflikten. Krieg ist wieder salonfähig geworden und wo man eine amerikakritische Regierung nicht wegputschen kann, da wird halt destabilisiert, Zwietracht gesät, staatliche Strukturen werden zerstört. Mit allen Mitteln. Und wen trifft es am härtesten? Nicht die Diktatoren und Profiteure dieser Welt – es zwingt immer mehr einfache Menschen ihr Land, ihre Heimat, kurzum alles zu verlassen, um Leben und Zukunft für sich und die eigene Familie zu retten. Diese Flüchtlingswelle trifft nun zunehmend Deutschland. Auch Pritzwalk wird, gewollt oder nicht, Asylbewerber aufnehmen. Und deren Zahl steigt. Aber …

Die Gerüchte über angeblich gewaltige Flüchtlingszahlen, die bald unser Städtchen bevölkern werden, sind allesamt falsch. Momentan leben etwa 35 Asylbewerber hier. Nach Recherchen der Stadtzeitung wird diese Zahl in den kommenden Monaten auf etwa 90 Personen steigen (bei ca. 11.000 Bewohnern insgesamt!). Das wären weniger als ein Prozent. Der Durchschnitt in Deutschland liegt sehr viel höher. Meistenteils handelt es sich bei den hiesigen Neuankömmlingen um Familien mit Kindern. Also keine große Zahl alleinstehender junger Männer, ohne familiäre Anbindung, was erfahrungsgemäß in jeder Kultur zu Schwierigkeiten mit dem Lebensumfeld führt.

Asyl_Flucht ist kein VerbrechenDiese Menschen sind in Not. Sie werden in unserer Stadt eine freundliche Aufnahme finden. Dafür stehen sehr viele anständige Bürger. Das ist auch gut so.

Gutes Auskommen miteinander bedarf aber immer des Bemühens auf beiden Seiten. Wer woanders zu Gast ist, der muss auch die Gepflogenheiten und Gesetze, die dort herrschen respektieren. Ohne Einschränkungen. Die Unterbringung und Versorgung ist nur ein kleiner Teil der notwendigen Integration. Ein vernünftiges Miteinander wird nur funktionieren, wenn den Asylbewerbern umgehend Sprach-, Rechts- und Kulturkenntnisse vermittelt werden. Nicht als Wahlmöglichkeit, sondern verpflichtend.

Andererseits muss so manch deutscher Stammtischkrakeeler begreifen, dass die Anständigkeit eines Menschen nicht daran gemessen wird, ob er sich nun von Schweinebraten ernährt, oder nicht, ob er einer anderen Religion angehört, oder nicht und ob er „typisch deutsch“ aussieht, oder nicht.

Viel Arbeit für beide Seiten.

„Was wollen die denn hier?“ tönt es schon aus mancher Ecke. Überleben – das ist eine Antwort. „Aber das sind doch Wirtschaftsflüchtlinge, die sich hier auf unsere Kosten ein schönes Leben machen wollen!“

Was ist denn ein Wirtschaftsflüchtling? Jemand, der zuhause inmitten von Krieg, Verwüstung und Not auch in Jahrzehnten keine Chance hat für sich und seine Kinder eine lebenswerte Zukunft aufzubauen, der geht vielleicht diesen Schritt in die Ferne, ja. Und man kann ihn verstehen.

Natürlich können nicht alle Bedrückten dieser Welt zu uns kommen. Dieses naive Weltbild muss man manch kritiklosem Befürworter entgegen halten. Wenn man einen Kessel nicht zum bersten bringen will, dann sollte rechtzeitig Dampf abgelassen werden. Deshalb muss man reden. Miteinander, nicht übereinander. Der Verursacher eigener Unzufriedenheit ist nicht der Zuwanderer. Auf jemanden herab zu schauen, der noch schwächer ist, als man selbst, ist nutzlos.

Der Landkreis Prignitz verfolgt zur Zeit eine vernünftige Politik, wenn es um die Unterbringung der Asylbewerber geht. Anders als in Ostprignitz-Ruppin werden sie nach Möglichkeit nicht in großen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, sondern in einzelnen Wohnungen. Das ist klug, begegnet man doch so den Problemen einer abgeschiedenen Gruppenexistenz. Hoffentlich wird das lange durchgehalten.

Wenn es um die Beherbergung und Betreuung von Flüchtlingen geht, sind die Städte und Gemeinden, wie so oft, das letzte und schwächste Glied in der Kette. Wenn Bund und Land den Kommunen nicht die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, sieht es düster aus.

H. Winkelmann

12 replies »

  1. Hallo!
    Ich bin garantiert kein Ausländerhasser. Aber hat Deutschland nicht genug mit sich selber zu tun? Gibt es hier nicht genug Menschen unterm Existenzminimum, gibt es hier nicht genügend Kinder die in Armut leben? Für die Menschen ist kein Geld da, oder sie müssen 20 mal zum Amt weil da noch ein Nachweis fehlt und hier noch vllt ein Euro zuviel ist. Viele dieser Menschen schämen sich und geben auf, leben auch in Armut, versorgen sich aus Mülltonnenn und betteln. Dabei habe sie lnage in die Sozialsysteme eingezahlt! Für die Menschen wird solche Hilfe nicht organisiert, sie sind die Verlierer einer „sozialen Marktwirtschaft“ ! Sie müssen zu schauen, wie Fremde, die nicht einen Cent in deutsche Sozialsysteme eingezahlt haben, in tolle Wohnungen untergebracht und versorgt werden sollen! Unter diesen Gesichtspunkten, sind auch die angeblichen Stammtischkrakeeler zu verstehen. Denn mal ehrlich, können wir in die Türkei gehen und dort eine Kirche bauen, können wir dort irgendwelche religiösen Feiern oder Märkte verhindern, so wie es teilweise in einigen Berliner Stadtbezirken keinen Weihnachtsmarkt mehr geben darf? Weil genau diese Flüchtlinge hier nicht all ihre Bräuche und Feiern abhalten dürfen, deshalb dagegen geklagt und gewonnen haben! Auch vor solchen Dingen darf keine Partei oder die Regierung die Augen verschliessen! Und schon gar nicht die Probleme die eigene Bürger mit diesen Flüchtlingen haben für voll nehmen und nicht als rechte Hetzparolen oder Ausländerhass darstellen. Frank Briese

    • Hallo Frank!
      Ich verstehe das Gefühl des „Zurückgesetzseins“ bei manchen Leuten. Aber zum Einen fällt, bei aller berechtigter Kritik an dem heute bei uns herrschenden System, keiner wirklich komplett durch die soziale Mindestabsicherung. Viele erhalten diese Grundsicherung als Deutsche, obwohl sie selbst, verschuldet oder unverschuldet, nie oder wenig eingezahlt haben. Auch wenn man lange krank ist, wird einem geholfen. Das ist auch richtig so, denn es geht nicht um die eingezahlte Summe sondern um eine Solidargemeinschaft. Gerade hat der Europäische Gerichtshof entschieden, das Ausländer aus EU-Staaten nicht prinzipiell den Hartz IV-Satz erhalten, wenn sie sich nicht nachweisbar um Arbeit bemühen. Nicht-EU-Bürger bekommen dies sowieso nicht. Also bitte keine falschen Eindrücke schüren!
      Andererseits kann ich nur auf den Angang meines Artikels verweisen: Deutschland mischt weltweit mit bei Kriegen und Konflikten. Natürlich trifft uns als wohlhabendem Land dann auch die Flüchtlingswelle. Welle? 0,7% der Bevölkerung maximal. Also nicht wirklich erheblich.
      Die Flüchtlinge werden, gerade in Pritzwalk, eben nicht in „tollen“ Wohnungen untergebracht (siehe Schillerstraße, in Wohnungen, in die kaum noch ein Deutscher einziehen wollte).
      Zu den Weihnachtsmärkten: Glaube und verbreite nicht jeden Quatsch! Es gibt keine „verbotenen“ Weihnachtsmärkte in Berlin.
      Was meinst Du, was wir Deutschen ohne die Solidarität anderer in den schweren Stunden unserer Geschichte geworden wäre? Denk da bitte auch mal dran. Gerade den Aspekt, das beide Seiten in der Asylfrage etwas zu tun haben, ist in meinem Artikel die Kernaussage.

  2. Hallo!

    Hut ab und grossen Respekt, den Kommentar nicht einfach gelöscht zu haben, sondern sogar geantwortet. Das ganze problem Asylanten und Flüchtlinge, ist mittlerwiele ein sehr ernstes Problem geworden, wo vor leider zu viele Politiker und Gruppierungen einfach die Augen verschliessen oder die Realität verkennen.
    Ich nehme jetzt auch auf die Antwort Bezug, weil ich nichts behaupte oder irgendeinem Quatsch glaube, wenn ich es nicht belegen könnte. Hier zwei Links zu den Weihnachtsmärkten in Berlin, die sich aus der Not des Verbotes jetzt Winterfeste nennen müssen. :

    http://www.mmnews.de/index.php/politik/14645-berlin-verbietet-weihnachten

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/winterfest-statt-weihnachtsmarkt-religionsstreit-in-kreuzberg/8666628.html

    Also ist es belegt und leider leider kein Quatsch. Und wenn man dann noch den Artikel des folgenden Links liest, kann man sich wirklich nur fragen, was ist hier los?

    http://www.pi-news.net/2014/11/berliner-verwaltungsgericht-asylanten-haben-nutzungsrecht-an-gerhart-hauptmann-schule/

    Politiker und unsere Regierung scheinen doch ein berechtigtes Interesse daran zu haben, Ausländerhass zu schüren, um vielleicht von eigenen Problemen ab zu lenken?

    Ich hoffe, bzw. es wäre schön, wenn sich mehr als nur wir Beiden uns hier dazu äußern.

    Wäre es vielleicht zu gewagt, unsere Diskussion in der Druckausgabe der Stadtzeitung zu drucken? Denn sachliche Argumente gehören in eine Demokratie!

    Frank Briese

    • Hallo Frank,

      hier mal die wirklichen Hintergründe der Namensgebung beim „Wintermarkt“ in Kreuzberg. Das falsche Argument, dahinter stünden die bösen Muslime, wird von den Neurechten immer wieder ins Feld geführt – ist aber schlichtweg Unsinn.

      Das Märchen vom „Wintermarkt“, der nicht mehr Weihnachtsmarkt heißen darf

      Liebe Kinder und Erwachsene, der „Wintermarkt“ in Kreuzberg heißt NICHT aus Rücksicht auf die Muslime so. Der Grund für den Namen ist ganz simpel (für Hetzer aber nicht simpel genug), ihr findet ihn weiter unten.
      Falls euch wieder wer (z.B. auf der PEGIDA-Seite) mit dieser Propaganda-Geschichte nervt, dann dürft ihr der Person gerne das hier posten. Oft ist die Wahrheit 1 mm von PI-News entfernt.

      Artikel dazu: http://www.bz-berlin.de/…/weihnachtsmarkt-soll-wintermarkt-…

      ‪#‎NOPEGIDA‬ ‪#‎Wintermarkt‬ ‪#‎Berlin‬ ‪#‎Kreuzberg‬ ‪#‎PEGIDA‬ ‪#‎Politik‬

      Das Märchen vom „Wintermarkt“, der nicht mehr Weihnachtsmarkt heißen darf Liebe Kinder und Erwachsene, der „Wintermarkt“ in Kreuzberg heißt NICHT aus Rücksicht auf die Muslime so. Der Grund für den Namen ist ganz simpel (für Hetzer aber nicht simpel genug), ihr findet ihn weiter unten. Falls euch wieder wer (z.B. auf der PEGIDA-Seite) mit dieser Propaganda-Geschichte nervt, dann dürft ihr der Person gerne das hier posten. Oft ist die Wahrheit 1 mm von PI-News entfernt.
      Artikel dazu: http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/weihnachtsmarkt-soll-wintermarkt-heissen #NOPEGIDA #Wintermarkt #Berlin #Kreuzberg #PEGIDA #Politik

    • Hallo Herr Walter!

      Warum suchen diese Menschen nicht zum Beispiel Asyl in Australien oder den USA ? Wenn wir diese Frage beantworten, haben wir einen Grund bzw. Lösungsansatz. Müssen wir unbedingt die Arme soweit auf machen? Man kann doch nicht um jeden Preis helfen?
      Vielleicht sollte Deutschland aiuch keine Waffen ins Ausland liefern, um Kriege zu unterstützen, die dann so viele Flüchtline schafft?
      Das wäre ein Anfang!

      Frank Briese

  3. Übrigens nur mal zur Info: Bezogen auf unsere Einwohnerzahl liegt Deutschland in Europa bei der Anzahl an aufgenommenen Flüchtlingen nur auf Platz 7 der Aufnahmeländer. Weltweit liegen wir übrigens nur auf Platz 52! Soweit zum Thema, das „alle“ immer nur nach Deutschland flüchten.

  4. Hallo!

    Gestern Abend in Stern TV wurde das Thema Weihnachtsmarkt in Berlin nochmal erörtert. es ist nicht mehr erlaubt in Berlin Friedrichshani Kreuzberg einen Weihnachtsmarkt zu betreiben! Wer hat uns das eingebrockt?

    • Und wer sagt, dass die Ursache die „bösen“ Ausländer sind? Der Kreuzberger Weihnachtsmarkt WILL sich Wintermarkt nennen, weil es viel zu viele mit all dem Weihnachtsnippes überladene Märkte gibt. Die Veranstalter wollen bewusst was anderes machen (sie mein Posting oben). Ob das Nicht-Zulassen eines weiteren Marktes evtl. einfach nur eine ordnungsamtliche Entscheidung war (Überangbot?) weis ich nicht, könnte aber so sein.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.