Gesundheitsversorgung

„Der Mensch ist des Menschen Arznei.“

Schwebke Hans-jürgen

Hans-Jürgen Schwebke ist freier Autor und lebt in Berlin.

Ein Interview von Hans-Jürgen Schwebke zu Alkoholkrankheit & Selbsthilfe

 

Jürgen Heckel ist seit 28 Jahren „trocken“. Der Buchautor, Kommunikationstrainer und Bibliothekar hofft, auf dem Weg zur Nüchternheit zu sein. Ein Gespräch über Sucht, Selbsthilfegruppen und die Anonymen Alkoholiker.

Herr Heckel, in Ihrem Buch „Sich das Leben nehmen: Alkoholismus aus der Sicht eines Alkoholikers“ beschreiben Sie Ihren Weg mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker (AA). Diese sind wegen ihres Alters und ihrer Rituale nicht unumstritten.

Gott sei Dank, gibt es viele unterschiedliche Selbsthilfegruppen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen: die Anonymen Alkoholiker, den Kreuzbund, Blaukreuz, Guttempler, örtliche Freundeskreise und viele andere. Betroffene sollten sich zehn verschiedene Gruppen anschauen, bevor sie urteilen. Die Wege in die Sucht sind individuelle, die Wege heraus auch. Wenn zwei Alkoholiker den gleichen Genesungsweg versuchen, wird einer scheitern.

 

Meiner Beobachtung nach halten oftmals Vorurteile davon ab, Hilfe in Selbsthilfegruppen zu suchen?

Die Anonymen Alkoholiker zum Beispiel stehen in einem fundamentalen Gegensatz zu Sekten oder religiösen Gemeinschaften. Weder ist man einem Guru zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet, noch ist man gezwungen, seine Identität abzugeben um eine vorgeschriebene anzunehmen. Weltweit gibt es keine weiter Organisation, die auf Mitgliederlisten und Aufnahmescheine verzichtet, keine Beiträge erhebt, staatliche Subventionen ablehnt, sich ausschließlich aus eigenen Spenden erhält und in der das Programm lediglich den Status von Empfehlungen hat. Und das trotz der Einsicht: In einer Selbsthilfegruppe bekommt ein Süchtiger nicht das, was er möchte, sondern das, was er braucht – Wahrheit und Klarheit, Empathie und Konfrontation.

 

Was ist mit dem Vorurteil, Laien helfen in Selbsthilfegruppen Laien?

Das Selbsthilfeprinzip bedeutet: die Gruppenmitglieder lassen sich ein Leben lang auf einen seelischen Entwicklungsprozess ein, für den sie selbst die Verantwortung übernehmen. In einer Selbsthilfegruppe hilft nicht einer dem anderen, sondern jeder hilft sich selbst und dadurch hilft er den anderen.

 

Worin besteht der Unterschied zu professioneller Hilfe?

Ich gehe seit 28 Jahren in Selbsthilfegruppen, nahezu alle Teilnehmer haben sich irgendwann auch professionelle Hilfe geholt. Also: Nicht Selbsthilfegruppe oder Therapie, sondern Selbsthilfegruppe und Therapie. Fest steht aber auch: Psycho- und sozialtherapeutische Konzepte sind „Kopfkonzepte“, die wissenschaftlich entwickelt wurden. Die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker beispielsweise sind ein Erfahrungsprogramm, von Betroffenen entwickelt, das durch Kapitulation, Loslassen, Anvertrauen und Übergabe nacherfahren werden kann.

 

Gern wird auch über die Sprüche in Selbsthilfegruppen gelästert.

Sprüche sind Regeln, in denen Mitglieder ihre Erfahrungen konstruieren und aufbewahren. Außenstehenden mag das lächerlich, schwülstig oder pseudowissenschaftlich vorkommen.

Doch wer es schafft, sein Leben danach auszurichten, wird entdecken, dass es Perlen der Weisheit sind. Beispielsweise: Wenn der Alkohol weg ist, wirst Du es mit Dir zu tun haben.

 

Viele warnen vor der Selbsthilfesucht.

Es gibt nichts, nach dem Menschen nicht süchtig werden können. Aber nach den Anonymen Alkoholikern süchtig zu sein, ist immer noch besser als sein Gehalt zu versaufen und seine Frau zu verprügeln.

 

Worin besteht das Ziel einer Selbsthilfegruppe bei Alkoholikern?

Die Suchtbefreiung durch das Erlernen, mit der eigenen Sucht umzugehen. Ich muss mein Leben so umorganisieren, dass es mir ohne Droge deutlich besser gefällt als zuvor, dass ich es als einen Gewinn empfinde, trocken zu leben, nicht als Verlust. Ich verliere nichts, aber ich gewinne an Menschlichkeit, Sensibilität, Freiheit. Wir Alkoholiker sind zum guten Leben verurteilt.

 

Wie stehen dafür die Chancen?

Etwas Tröstliches: Es ist eine Veränderung, nicht indem ich etwas von mir abschaffe, sondern indem ich bereit bin, andere Verhaltensweisen anzunehmen. Ein Veränderungsprozess durch Bereicherungen.

Interview: Hans-Jürgen Schwebke

 

Buchtipp:

Jürgen Heckel „Sich das Leben nehmen.

Alkoholismus aus der Sicht eines Alkoholikers“

Verlag A1, 5. Auflage, 2010, 256 Seiten, 17,90 €.

 

Link zur Hilfe in der Region:

http://www.suchthilfe-prignitz.de/selbsthilfegruppen.html

 

(Der Titel dieses Beitrages ist einem senegalesisches Sprichwort entlehnt.)

 

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