Innenstadtbelebung

Improfeeling belebt Pritzwalk

In Berlin gibt es viele Veranstaltungen. Über 3000 jeden Tag, habe ich einmal gehört. Doch dass ich als Berliner einmal nach Pritzwalk fahre, um solch ein außergewöhnliches Festival zu erleben, hab ich nicht gedacht. Denke ich doch an Leerstand und Bürgersteige, die oft noch nicht einmal herunter geklappt sind. Ich wurde eines besseren belehrt am letzten Wochenende beim Pritzwalker Improfeeling. Gemeinsam mit dem CJD Giesensdorf und dem Plateau e.V. wurden Workshops für Improvisation in leerstehenden Läden in der Innenstadt gegeben, die von der Wohnungsbaugesellschaft zur Verfügung gestellt wurden. Dieses Inklusionsprojekt wurde durch die Aktion Mensch gefördert und ist in der langen Geschichte der Improfestivals einzigartig. 45 behinderte und nicht behinderte Menschen erlebten Workshops zu Improvisationstheater, Clownerie, fertigten Masken und machten gemeinsam Musik. Am Freitag, den 23. Mai trafen sich die Improbegeisterten und Improneulinge auf dem Marktplatz zum gemeinsamen Trommeln und Startschuss des Improfeelings. Dozentin Nele Müller dirigierte die bunte Gruppe und gemeinsam trommelten wir uns in das Festival. Für das leibliche Wohl sorgte das Café Kaffeklatsch, bevor wir den ersten Abend im alten Rossmann singend, spielend und lachend verbrachten. Für den Spaß sorgten auch Dozent Andreas Gottschalk, der unter anderem als Klinikclown im Kreis Rostock arbeitet und die Theatermacherinnen Chady Seubert und Claudia Stricker, die mit ihrem Improtheater „Die Mittwochsgruppe“ das Spontantheater in der Prignitz bekannt gemacht haben. Chady Seubert leitet schon seit einiger Zeit eine Gruppe von Menschen mit Handicap in Hasenwinkel, die natürlich auch mit viel Freude dabei waren.

Foto: Stephan Ziron

Foto: Stephan Ziron

Nach dem gemeinsamen Frühstück verschwanden die Teilnehmer mit ihren Dozenten in die verschiedenen Workshops. In kleineren Gruppen beschäftigten sie sich mit Übungen aus dem Theater- und Musikbereich. Dozentin Helga Treutler aus Schwerin fertigte mit viel Hingabe Masken. „Ich habe selten so eine Begeisterung und Konzentration in einem Kurs erlebt“, sagte sie nach ihrem Workshop sichtlich erfreut. Die Freude war allen Beteiligten am ganzen Tag anzusehen. Diese bunt gemischte Gruppe, die auch vom Alter her sehr unterschiedlich war, wuchs in wenigen gemeinsamen Stunden zusammen, wie ich es selten erlebt habe. Der Spaß an der Improvisation und an der Unterschiedlichkeit der Menschen wäre gelebte Inklusion, während in Berlin immer noch lieber darüber geredet, als gelebt wird.

Am Abend wurden die Ergebnisse in einer Werkschau vor Publikum präsentiert. Der Pritzwalker Bürgermeister Wolfgang Brockmann erlebte eine Show, die er sicher noch nicht erlebt hat. Das Publikum wurde von Anfang an mit in die Aufführung eingebunden und war erstaunt über die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten. Neben improvisierten Theaterszenen präsentierten die Teilnehmer ulkige Clownspaare, Maskenspiel, das mit Geräuschen unterstützt wurde und eine Fragerunde, in der gleich mehrere Improexperten eine Antwort auf „Wie kann man Pritzwalk für Jung und Alt lebenswerter machen“. Die abschließende Trommelrunde mit dem Publikum zeigte, das Improvisation und das Improfeeling Menschen verbindet und leer stehende Räume mit der Vielseitigkeit des Lebens füllen kann. Egal ob mit Handicap oder ohne.

Solche Projekte suche ich in der Berliner Improtheaterszene bisher vergeblich. Aber ich bin sicher, dass Pritzwalk für die Hauptstadt ein Vorbild für Inklusion werden kann. Ich bin sicher das mit dem Improfeeling ein wichtiger Beitrag geleistet wurde und hoffe auf viele weitere Festivals in der Prignitz dieser Art. Und falls die drei leerstehenden Läden dann nicht reichen sollten, gibt es noch genug Raum, um mit mehr Teilnehmern ein solch buntes und positives Festival der Improvisation zu feiern. Nicht nur in Berlin.               Stephan Ziron

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